Botschafter unter dem „Tor zur Welt“

Als ich durch Katrin von Tanja Praskes Blogparade #KultTrip hörte, musste ich nicht lange überlegen. 2014, August: Städtetrip nach Hamburg – mein Geburtstagsgeschenk. Am letzten Tag, das Auto schon gepackt: noch einmal zum Hafen, noch einmal Fernweh einfangen, noch einmal große Pötte gucken. Doch nicht nur: der St.-Pauli-Elbtunnel. Filip, mein Sohn, war neugierig. Ich ebenso. Unzählige Male war ich in der Elbmetropole; dort unten noch nie. Also: Lass uns „in die Röhre gucken“! Der Besuch in der Unterwelt hielt dann eine Überraschung bereit…

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Alter Elbtunnel: zweimal 426 Meter Ingenieurskunst

„Die Gruppe des Kindergartens benutzt bitte die Gehsteige“, scheppert es aus den Lautsprechern. Selbst bedacht, den schmalen Bürgersteig nicht zu verlassen, begegnen wir den Mädchen und Jungen mit ihren Erzieherinnen in der Mitte der 426 Meter langen Weströhre. Die östliche ist wegen Sanierung gesperrt.

Landungsbrücken von Steinwerder

Blick auf die Landungsbrücken und den Elbtunneleingang (links) von Steinwerder aus. © Uwe von Schirp

Steinwerder, die Elbinsel, das Ziel des kurzen Trips am letzten Urlaubstag: noch ein Blick auf die Landungsbrücken – in der Sonne brillieren sie in ihrer ganzen Schönheit. Sandstein und patiniertes Kupfer. Der Elbtunnel – Faszination Ingenieurskunst zu Beginn des letzten Jahrhunderts: Streben, Treppen, Aufzüge. Heute verglast, machen sie den Abstieg in die „Unterwelt“ zum Erlebnis.

Hüter des historischen Schatzes

Auffällig: Viele Radfahrer nutzen die Traverse 24 Meter unter der Erde. Das schillernde Panorama der pulsierenden Metropole im Norden, die alltägliche Tristesse zwischen braunen Hafenbecken und grauen Hallen weltweiten Handels im Süden. Downtown und Harbour. Michel und Ladebrücken. Kontor und Container. Dazwischen Barkassen, die ihre Runden durch den Hafen drehen, darüber kreischende Möwen. Die Keramik an den Wänden dokumentiert die Wertschätzung dieser Verbindung. Gestern wie heute.

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„Hüter“ des historischen Schatzes. © Uwe von Schirp

An den Enden der Röhren Wachhäuschen. Davor Männer in weißen Hemden und blauen Hosen. Schirmmützen. Respektvoll hüten sie den historischen Schatz. Ich zücke die Kamera: ein Foto, zwei, eine ganze Serie. Moment! „Ich habe Sie gerade fotografiert, und ich hoffe, Sie haben dagegen nichts einzuwenden…“ Der Hafenbeamte tritt einen Schritt aus seinem Wachhäuschen vor. Lächelt. „Ach nein…“

„News York, Rio, Tokiio –
überall ist ein Bild von mir.“

Seine würdevolle Haltung lockert sich. „Wissen Sie….“ Die Augen strahlen. „So viele Fotos. In aller Welt. Wie oft bin ich schon fotografiert worden? Tausende-, hundertausende-, millionenmal…“ Er holt tief Luft. „In New York, San Franzisko, Rio der Janeiro, Tokio… überall ist ein Bild von mir“. Er macht einen zufriedenen Eindruck. „Was meinen Sie, wie viele Menschen da zusammenkommen in all den Jahren hier unten…?!“.

Große Geste beim Abschied

Neugierde, ob viele Autos die stadtnahe Unterquerung nutzen, ob eher Hamburger oder ob mehr Touristen kommen. Er tritt noch einen Schritt vor, hebt den Finger an die Mütze, als ein Autofahrer den Lift verlässt und sich den Weg Richtung Süden bahnt. Er erzählt und erzählt, spannend und anekdotenreich. Was für ein Erlebnis- und Erfahrungsschatz!

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PKW-Aufzug – wieder „über Tage“. © Uwe von Schirp

Wir verabschieden uns nach einer Zeit. Sein Arm weist einladend auf die mit Holz getäfelte Fahrzeugkabine. „Ich fahre Sie damit hoch. Das ist ein noch schöneres Erlebnis als mit dem Personenaufzug.“ Welche Geste! Er winkt uns zu, als wir uns mit dem Schließen der Aufzugtore verabschieden: lächelnd, zufrieden und dankbar für die Aufmerksamkeit und das personifizierte Fotosouvenir vom Ende der Röhren unter dem Tor zur Welt…

Information
St. Pauli – Elbtunnel

Bei den St. Pauli Landungsbrücken
20359 Hamburg

Öffnungszeiten für Fußgänger und Radfahrer: durchgehend geöffnet

Weitere Informationen

Elbtunnel

Speicherstadt

Abendstimmung in der Speicherstadt. © Uwe von Schirp

Streifzüge in die Nachbarschaft der „Hotspots“

Hamburg ist – neben meiner Heimat Dortmund – meine Lieblingsstadt. Und das seit mehr als 30 Jahren. Wenn ich nach Hamburg komme, führt der Weg nicht immer zu den obligatorischen so genannten Hotspots: Rathaus und Mönckebergstraße, Große Bleichen und Neuer Wall mit ihren zunehmend exquisiteren Schaufensterauslagen, in die unzähligen Einkaufspassagen. Eppendorf und Harvestehude, westlich der Außenalster, beeindrucken mit ihrer historischen Bebauung und dem bürgerlichen Charme, Schanzenviertel und St. Pauli mit ihrem Kiez-Flair. Für viele Hamburg-Touristen ein „Must-see“ – ebenso wie mittlerweile wahrscheinlich die Hafencity.

Meine Streifzüge durch die Elbmetropole führen jedoch meistens über die Schwellen zwischen hanseatischer Tradition und Moderne, zwischen Kiez und Kommerz, pulsierendem Leben und beschaulicher Ruhe: Neues entdecken und Liebgewonnenes genießen. Meine Tipps starten am Nordeingang des St–Pauli-Elbtunnels:

Hafengebiet

Landungsbrücken

Die Landungsbrücken: Ausgangspunkt für Hafenrundfahrten und Anleger der Hafenfähre. © Uwe von Schirp

Einmal vor Ort, sind die Landungsbrücken – das „Tor zur Welt“ im wahrsten Sinne des Wortes – direkt um die Ecke. Eine Hafenrundfahrt mit einer Barkasse führt direkt zu den Ozeanriesen, die mit tausenden Containern an Deck den weltweiten Handel prägen. Imposant! Empfehlenswert: eine Hafenrundfahrt, die die Fleete und die Speicherstadt einschließt – der Hafen gestern und heute.

 

Hafenkneipe Schellfischposten

Heimat von „Inas Nacht“ im NDR-Fernsehen: Der Schellfischposten im ehemaligen Holzhafen.

Von den schwankenden Landungsbrücken zurück an Land, führt der Weg nach links – oder: Westen – Richtung Fischmarkt und Fischauktionshalle. Auf der rechten Seite, auf einer Elbterrasse, die Hafenstraße: Sie dokumentiert noch immer die Ziele der Hausbesetzerszene der 1980er Jahre. Kurz vor dem Fischmarkt die Option: rechts hinauf ins alte St. Pauli oder geradeaus in den ehemaligen Fischerei- und Holzhafen. Hier haben sich in alten Speicherhäusern und modernen Anbauten Designergeschäfte, Dienstleister und Medienschaffende niedergelassen. Am Ende des ehemaligen Holzhafens linkerhand mondäne Neubauten an der Hafenfront und der Altonaer Kai für Kreuzfahrtschiffe, rechterhand prominente Hafenkneipen: Haifischbar und Schellfischposten – letztere bekannt aus der Fernsehsendung „Inas Nacht“. Pause bei einem Kaffe oder einem Bier.

Hafenfähre, Lotsenhäuser und die „Strandperle“

Strandperle

Die Strandperle in Övelgönne. © Uwe von Schirp

An der Schellfischbar vorbei, geht es über Treppen den Elbhang hinauf ebenfalls ins alte St. Pauli oder 300 Meter weiter die Goße Elbstraße entlang zum Anleger Dockland. Mit der Hafenfähre geht es in Richtung Finkenwerder nach Neumühlen. Direkt am Anleger der Museumshafen Övelgönne. An der schmalen Uferpromenade zum Elbstrand reiht sich Restaurant an Kneipe, Bar an Bude vor einer malerischen Kulisse aus Jahrhunderte alten Häusern. Hier wohnten die Lotsen und Schiffskapitäne. Zwischendrin führen Treppen den Hang hinauf zur mondänen Elbchaussee. Durch den Sand des Elbstrands führt der Weg zur „Strandperle“: loungige Atmosphäre bei kühlen Drinks und leckerem Essen. Empfehlenswert: Lammbratwürste. Genuss und Entspannung bei Sonnenuntergang, während die gigantischen Kräne am gegenüber liegenden Ufer „Container-Riesen“ entladen, „Kümo’s“, Schlepper und Lotsenboote auf dem Wasser schippern.

 

Vom Michel auf den „Roten Strich“

Michel

Der „Michel“. © Uwe von Schirp

Mit der Hafenfähre geht es zurück zu den Landungsbrücken. Die zweite Tour führt in Richtung Nordosten durch das Portugiesenviertel zum Hamburger Wahrzeichen. Der „Michel“, die Hauptkirche St. Michaelis, gilt als eine der schönsten Barockkirchen Norddeutschlands. Mit gleich fünf Orgeln ist sie quasi ein Pflicht-Ziel für Liebhaber der Kirchenmusik. Lohnenswert nicht nur eine Auffahrt – oder für Sportliche ein Aufstieg – auf die 106 Meter hohe Aussichtsplattform, die einen beeindruckenden Blick über Hafen und Stadt bietet. Touristisch weniger beachtet: die Krypta unter der Hauptkirche, in der mehr als 2.000 Menschen ihre letzte Ruhestätte fanden und die heute Ausstellungen beherbergt.

 

Toter Strich

Hans Hummel führt auf den „Roten Strich“. © Uwe von Schirp

Vor dem Portal grüßt Hans Hummel – zumindest ein leuchtend roter Metallschnitt des Hamburger Originals. „Gehen Sie mit uns auf den Strich“, steht auf der Figur. Der Michel: einer von vier Ausgangspunkten für einen Rundgang durch das alte Hamburg, die Neustadt. Der „Hummel-Bummel“ führt zu 30 historischen Orten des 400 Jahre alten Quartiers: zur ehemaligen Hauptsynagoge, durch das Gängeviertel, vorbei am Cotton-Club. Sehenswert nicht nur die mit Informationstafeln markierten Stationen, sondern auch alte Handwerksbetriebe, Inhaber geführte Läden, gemütliche Kneipen. Über die Michelwiese geht es zurück an die Hafenkante.

Mehr als nur Gaumenfreuden

Fiedlers Bar

Fiedler’s Café am Langen Zug in Winterhude. © Uwe von Schirp

Zeit, um etwas zu essen? Mitten im pulsierenden Leben des nahen Portugiesenviertels liegt das „Luigi’s“. Für mich mehr als eine Pizzeria: Die quirlige Atmosphäre schwappt von der Straße ins Innere. Dafür sorgen allein schon die temperamentvollen Servicekräfte. Die mediterrane Küche verzaubert meinen Gaumen und alle anderen Sinne. Tischreservierung dringend empfohlen.
Denjenigen, die es etwas ruhiger mögen, empfehle ich eine Fahrt mit der Hochbahn und dem Bus nach Winterhude: zum Langen Zug nahe der Außenalster. Auf der Terasse von „Fiedler’s Café“ direkt am Wasser oder in der Snackeria über dem Wasser scheint die Hektik der Metropole Meilen entfernt. Atmosphärisch: Ruderer der nahegelegenen Clubs ziehen kräftig an Riemen und Skulls; vereinzelt schallt das Lachen fröhlicher Studenten im Tretboot über das Wasser.

Für kleine, große und noch größere Kids

Miniaturwunderland

Nebenan in Groß – im Miniaturwunderland in 1:87: die Landungsbrücken. © Uwe von Schirp

Noch Platz für weitere Erlebnisse und einen weiteren Tag Zeit? Das Miniaturwunderland in der Speicherstadt lässt die Herzen kleiner, großer und noch größerer Kinder höher schlagen. Eine Reise durch Deutschland, den Alpenraum, Skandinavien und Nordamerika. Kilometer lange Bahnstrecken im Maßstab 1:87, tausende Häuser, fahrende Autos, Flugzeuge, die einschweben, Schiffe, die in norwegischen Fjorden navigieren. Beeindruckend aber vor allem die kleinen Szenen, die fiktiven, quasi erzählten liebevollen Geschichten. Fast schon zu viel für einen Tag: Anlass genug, um wieder zu kommen. Nicht nur in das Miniaturwunderland, sondern auch nach Hamburg!

 

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4 thoughts on “Botschafter unter dem „Tor zur Welt“”

  1. Lieber Uwe,

    prima! Wenn ich das nächste Mal nach Hamburg komme, lese ich bei dir ganz genau noch einmal nach. Das Miniaturwunderland und die Museumswelt ist per se auf der Agenda, aber in die „Röhre“ schauen, möchte ich auch sehr gerne!

    Vielen Dank für deinen #KultTrip!

    Herzlich,
    Tanja

    1. Liebe Tanja,

      vielen Dank für dein Feedback. Wenn ich dich mit dem Beitrag zu einem Besuch des Elbtunnels bei deinem nächsten Hamburg-Besuch animieren konnte, freut mich das umso mehr. „Chapeau“ zum grandiosen Erfolg deiner Blogparade #KultTrip. Es hat mir Spaß gemacht, mich daran zu beteiligen.

      Herzliche Grüße in den Süden
      Uwe

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