Pilgern auf Eiderstedt: Vom #KultBlick zu #DHMMeer

Entlang der Nordsee wandern oder radeln heißt: Weite genießen. © Katrin Krumpholz

Entlang der Nordsee wandern oder radeln heißt: Weite genießen. © Katrin Krumpholz

„Was bedeutet das Meer für mich?“ ist eine gute Frage. Seit 22 Jahren lebe ich in Norddeutschland, davon rund 15 Jahre im Land „zwischen den Meeren“, in Schleswig-Holstein. Ich lebte an Nord- und Ostsee, und finde: Beide Meere haben ihren Charme. So begeistern mich etwa im Frühjahr die blühenden Rapsfelder vor der tiefblauen Ostsee; die Weite des Wattenmeers genieße ich bei stundenlangen Spaziergängen am Strand wie in St. Peter-Ording oder auf Sylt. Aber was bedeutet mir nun das Meer an sich? Was sind Aspekte, #Meermomente, die ich im Rahmen der Blogparade #DHMMeer vorstellen möchte?

Was bedeutet mir das Meer?

Wandern auf dem Meeresboden entspannt - auch bei schlechtem Wetter. © Katrin Krumpholz

Wandern auf dem Meeresboden entspannt – auch bei schlechtem Wetter. © Katrin Krumpholz

In Schleswig-Holstein kommt man nicht umhin, das Meer in all seinen Facetten zu erkunden und sich damit auseinanderzusetzen. Die Frage „Was bedeutet mir also das Meer“ kann ich auch nach reiflich Überlegung und einigen (sehr inspirierenden) Blogbeiträgen zu dem Thema nicht klar beantworten. Das Meer war in den letzten 22 Jahren ein wichtiger Bestandteil meines Lebens – ich schätze seinen Freizeit- und Erholungswert genauso wie ich interessiert seinen Einfluss auf das Leben der Menschen und – seine Spuren in der Landschaft erkunde.

Auch die aktuellen Diskussionen um Seenotrettung und Flüchtlingshilfe gehen nicht spurlos an mir vorbei. Zumal ich immer daran denken muss, was gewesen wäre, hätten Amerika, Australien und weitere Überseestaaten um 1900 die Schiffe aus Europa abgewiesen. Das Meer brachte vor hundert Jahren Millionen Menschen in ein neues, vielleicht besseres Leben. Heute wird es zur tödlichen Falle für zahlreiche Menschen, die sich dasselbe von Europa erhoffen.

Schreibe ich über meine persönlichen #Meermomente?

Hohe Wellen, dunkle Wolken und eine frische Brise - so mag ich die Nordsee. © Katrin Krumpholz

Hohe Wellen, dunkle Wolken und eine frische Brise – so mag ich die Nordsee. © Katrin Krumpholz

Meine erste Überschriften-Idee lautete „Ode an das Meer“. Erste Notizen bündelten eine Reihe von touristischen wie kulturhistorischen Aspekten, die mir im Laufe der Zeit begegneten, die ich spannend fand, die eigene Beiträge wert wären: Inselausflüge, Museumsbesuche, Wassersport-Erlebnisse, „meernahe“ Städte wie Schleswig mit Haithabu und Oslo, das maritime Göteborg, Hafenrevitalisierung und Leben am Wasser, und so weiter und so fort. Aus diesen Schlagworten entstand mein erster (nicht veröffentlichter) Beitrag „Schiffe, Watt und Wale – meine Meermomente“, ein Best-of mit fünf persönlichen Meermomenten:

  • Mein #Meermoment 1: Fährfahrten ab Kiel nach Oslo und Göteborg
  • Mein #Meermoment 2: Unterwegs auf dem Meeresgrund – meine erste Wattwanderung
  • Mein #Meermoment 3: Vom Meer- zum Ackerboden – Radfahren hinterm Deich
  • Mein #Meermoment 4: Der Norden – Drehscheibe des europäischen Handels
  • Mein #Meermoment 5: Lübeck an der Nordsee.

Ein Rückgriff auf #KultBlick No. 2

Die Süderbootfahrt führt von Katingsiel nach Garding. Der Schiffsverkehr endete 1910. © Katrin Krumpholz

Die Süderbootfahrt führt von Katingsiel nach Garding. Der Schiffsverkehr endete 1910. © Katrin Krumpholz

Ein paar Aspekte aus den genannten Meermomenten greife ich in diesem Beitrag auf – und knüpfe damit an meinen persönlichen KultBlick an: Ich begebe mich auf die Spuren des Menschen in der Natur, und schreibe damit über mein „Herzensthema“. 

Mein Beitrag zu #DHMMeer ist ein Beitrag, den ich
a) nun als Auftakt meiner angekündigten Blogserie zu „Kulturlandschaft“ schreibe, und
b) gerne schon zur Blogparade „Kultur im ländlichen Raum“ von Kultur-Hoch-N und Damian Kaufmann alias Zeilenabstand.net geschrieben hätte (das habe ich aus zeitlichen Gründen nicht geschafft).

Wo starte ich? An der Nordsee, genauer gesagt: auf Eiderstedt im Landkreis Nordfriesland. Dazu klaue ich ein Foto aus dem früheren Beitrag zu KultBlick – vom 6,5 Kilometer langen Kanalstück von Katingsiel nach Garding. Auf diesen Kanal stieß ich vor zwei Jahren und recherchierte in der Denkmalliste Nordfrieslands: Die so genannte Süderbootfahrt wurde von 1611 bis 1613 unter Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf errichtet, um Waren von Katingsiel nach Garding ins Landesinnere zu „treideln“. Sprich, mit Pferden entlang der Wasserstraße zu ziehen. Doch wieso interessierte mich dieser Kanal?

„… das Watt ist die Kathedrale“

Ein Christus-Mosaik empfängt Gläubige an der Pforte von St. Michael in Welt. © Katrin Krumpholz

Ein Christus-Mosaik empfängt Gläubige an der Pforte von St. Michael in Welt. © Katrin Krumpholz

Vor zwei Jahren stieß ich auf ein neues, touristisches Angebot an der Nordsee: Pilgern auf Eiderstedt. In der Pressemitteilung der regionalen Marketingorganisation las ich dazu: „Pilgern an der Nordsee heißt, dass der Weg das Ziel ist, denn eine eindrucksvolle Kathedrale wie in Santiago de Compostela gibt es nicht. Aber Glauben erfahren hat auch was mit Ruhe und Gelassenheit zu tun und unsere Kathedrale ist das UNESCO-Welterbe Wattenmeer“.

Also, Pilgern auf dem platten Land von Dorfkirche zu Dorfkirche und am Ende einen Gottesdienst erleben, unter dem Abendhimmel in der Weite des Wattenmeeres – als einzigartiges Naturschauspiel, in dem man sich unendlich klein vorkommt? Das klang interessant, das wollte ich ausprobieren und meldete mich zu einer Tageswanderung an. Allerdings würde es abends tidebedingt keinen Watt-Gottesdienst geben. Ich war trotzdem neugierig, wie entschleunigend und inspirierend das Pilgern werden würde.

Kirchtürme als Wegweiser

St. Martin in Vollerwiek ist Ausgangspunkt unserer Wanderung. © Katrin Krumpholz

St. Martin in Vollerwiek ist Ausgangspunkt unserer Wanderung. © Katrin Krumpholz

Bei rund 30 Grad in der Mittagshitze (!) starteten wir unsere Tour. Ein bisschen Selbstironie muss sein: Sowas machen auch nur Touristen (und Kultouristiker wie ich …). Aufgrund der Hitze schlug Pastorin Inke Thomsen-Krüger eine kürzere Runde vor – von Vollerwiek nach Welt (!) und Garding zurück zum Ausgangspunkt –, was uns allen sehr genehm war. Bis auf die Tatsache, dass wir aufm platten Land unterwegs waren, dürfte der Unterschied zum Pilgern auf dem spanischen Jakobsweg im Sommer an diesem Tag nicht allzu groß gewesen sein. Unterwegs passierten wir sogar ein paar Esel auf einer Koppel. Und: die Süderbootfahrt.

In jeder Himmelsrichtung entdeckten wir in Sichtweite einen weiteren Kirchturm. Dass es auf Eiderstedt so viele Kirchen – 18 an der Zahl – gibt, wusste ich nicht. Warum erklärte Thomsen-Krüger: Eiderstedt bestand einstmals aus den drei Inseln Utholm, Everschop und Eiderstedt, die erst im Laufe der Zeit „zusammengewachsen wurden“. Das heißt: Durch Eindeichung, Landgewinnung und natürliche Anlandung von Schlick und Sand wuchsen die „drei Lande“ zusammen. Der Beginn der Landschaft Eiderstedt wird auf das Jahr 1613 datiert. Das Wappen der „drei Lande“ Utholm, Everschop und Eiderstedt zieren drei Segelschiffe (Koggen).

Einzigartige Kulturleistung ohne gewachsene Steine

Ein Kirchenfenster in St. Christian in Garding zeigt eine Fischerszene, typisch für das Leben am und mit dem Meer. Katrin Krumpholz

Ein Kirchenfenster in St. Christian in Garding zeigt eine Fischerszene, typisch für das Leben am und mit dem Meer. Katrin Krumpholz

Im Mittelalter bestand Eiderstedt noch zu weiten Teilen aus schwer überwindbaren Sumpfgebieten und Prielen, den zum Teil sehr tiefen Wasserläufen im Watt. Die Bedeichung begann im 12. Jahrhundert. Die ersten drei Hauptkirchen wurden bereits zwischen 1103 (Utholm) und um 1120 (Eiderstedt) gegründet, auf Erdhügeln, den so genannten Warften (auch Warfen genannt).

Mit der fortschreitenden Eindeichung folgten Ansiedlungen und einfache Holzkapellen, später Steinkirchen, denn der Weg zur nächsten Kirche war unwegsam und gefährlich. Bei Sturmfluten oder Überschwemmungen dienten die Kirchen auch als Schutzraum.

„Kein Kirchenkreis nördlich der Elbe hat ein so dichtes Netz an Gotteshäusern. Der Bau von achtzehn Kirchen in einem Land, in dem es keinen einzigen gewachsenen Stein gibt, ist eine Kulturleistung unerhörten Ranges“, lese ich einen Tag später auf einer Texttafel im Museum der Landschaft Eiderstedt im Ortsteil St. Peter-Dorf (zit. nach H-W. Wulf, 1981).

Von dieser Meisterleistung zeugt auch das Inventar der drei Kirchen in Vollerwiek, Welt und Garding, darunter das älteste Taufbecken und der älteste Schnitzaltar auf Eiderstedt. Die fruchtbaren Marschböden sorgten für gute Ernteerträge, die Bauern waren wohlhabend und zeigten das, indem sie ihre ansonsten schlicht gehaltenen Kirchen ausschmücken ließen. Materialien wie Glas und Steine kamen durch den Handel über die Nordsee und Eider ins Landesinnere.

Auf einem Eiderstedt-Modell im ersten Ausstellungsraum des Museums der Landschaft Eiderstedt entdecke ich alle 18 Kirchen in Miniatur. Dazu sind die Grundrisse abgebildet. Texttafeln erläutern die Besonderheiten der Ausstattung und Liturgie. Eine schöne Ergänzung zur Wanderung – viele der Informationen, die Pastorin Inke Thomsen-Krüger erzählte, verbinden sich hier zu einem Ganzen.

Vom Meer- zum Ackerboden – noch ein Buchtipp

Deiche und Schafe - ein typisches Motiv an der Nordseeküste. © Katrin Krumpholz

Deiche und Schafe – ein typisches Motiv an der Nordseeküste. © Katrin Krumpholz

Bereits 2010 beschäftigte ich mich näher mit der Bedeichung der Nordsee: Als ich der Arbeit wegen nach Leer/Ostfriesland zog, schenkte mir ein Bekannter ein Buch. Er überreichte es mir mit den Worten: „Damit du die Leute besser verstehst“.

Das, was die Lektüre des „Getreideparadieses“ von Frank Westerman für mich im Nachhinein aber viel interessanter machte: Ich erfuhr mehr über die Anfänge der EU-Landwirtschaft unter Sikko Mansholt, wie wir sie heute kennen. Mehr über den Aufstieg der Provinz Groningen im Norden der Niederlande zur Kornkammer Europas – zum Getreideparadies –, aus der Mansholt stammte.

Bereits da las ich darüber, welch harte Arbeit es war, über die Jahrhunderte hinweg dem Meer das Land zur Bewirtschaftung abzutrotzen. Das Land, auf dem heute Radfahrer entlang der Internationalen Dollardroute radeln, geschützt hinterm Deich, vorbei an den Schafen, die friedlich grasen. Und vielleicht keine Ahnung davon haben, was es für die Bewohner entlang der Nordsee bedeutete, den Meeresboden in Ackerland zu verwandeln. Die Halbinsel Eiderstedt besteht heute übrigens aus mehr als 70 Kögen; Koog bezeichnet einen Teil des flachen Marschlandes, der dem Meer abgerungen wurde.

Obwohl sich diese sichtbaren Spuren bis heute erhalten haben, denken bei Nordsee, Eiderstedt und Wattenmeer wohl die wenigsten an Kulturlandschaft. Obschon die Deiche von Menschenhand geschaffen sind, und sich sogar Spuren menschlichen Lebens im Watt finden lassen, wie Funde der sagenumwobenen Handelsstadt Rungholt oder Schiffswracks belegen.

Unerwartet erholsam und informativ

Blick auf das Ehstensieler Fahrwasser am südwestlichen Rand von Eiderstedt. © Katrin Krumpholz

Blick auf das Ehstensieler Fahrwasser am südwestlichen Rand von Eiderstedt. © Katrin Krumpholz

Ich lasse die Pilgerwanderung Revue passieren und bin mehr als überrascht: nicht nur, dass ein halber Tag wandern bei einer Affenhitze erholsam sein kann, er war vorallem lehrreich: Die Wanderung gewährte mir einen neuen Blick auf die maritime Kulturlandschaft, ihre Geschichten über das Leben der Menschen am und mit dem Meer. Ich habe großen Respekt vor der Leistung der Menschen, die ab dem 12. Jahrhundert das unwirtliche Land bewohn- und nutzbar machten.

Anstelle eines Gottesdienstes im Wattenmeer, bildete die Radtour zurück nach St. Peter-Ording meinen Tagesabschluss: am Deich entlang, gegen den Wind (natürlich), mit Blick auf die Lahnungsfelder, die dem Schutz des Ufers dienen. Kann ich die Frage, was mir das Meer bedeutet, nach so einem wunderbaren Erlebnis eindeutiger beantworten? Ich denke schon: Denn das Entdecken dieser Spuren in der Landschaft, die Leistung früherer Generationen und Epochen, die bis heute sichtbar sind, das finde ich spannend. Das sind die Geschichten, die mich interessieren, die ich erzählen will. Das Verständnis um das Woher kann helfen, das Wohin zu beantworten.

Die Karte im Museum der Landschaft Eiderstedt zeigt den Eider-Treene-Weg bis Hollingstedt. Katrin Krumpholz

Die Karte im Museum der Landschaft Eiderstedt zeigt den Eider-Treene-Weg bis Hollingstedt. © Katrin Krumpholz

Ich überlege: In Schleswig-Holstein sind im Prinzip alle historischen Etappen des weltweiten Handelsnetzes auf engstem Raum sicht- und erlebbar. Friesen. Wikinger. Slawen. Hansebund. Um nur einige zu nennen. Die Süderbootfahrt, auf der der Schiffsverkehr erst 1910 endete, steht damit in einer ganz langen Kette des Nord- und Ostsee-Handels. Schon die Wikinger nutzten die Eider-Treene-Route, um ihre Waren von der Nordsee über den Hafen Hollingstedt in Richtung Haithabu und Ostsee zu transportieren.

In meinem 2. Semester Nordische Philologie beschäftigte ich mich mit dem bedeutenden Handelsplatz der Wikingerzeit, der jüngste Neuzugang auf der Weltkulturerbe-Liste Schleswig-Holsteins. Doch die wirkliche Bedeutung, die Dimensionen für die Geschichte, für die Entwicklung der Region kann ich erst jetzt nachvollziehen.

Am faszinierendsten finde ich, dass ich ursprünglich nur pilgern und entschleunigen wollte: Ich habe ein Faible für kleine Dorfkirchen und ihre wertvollen Ausstattungen als Zeugnis tiefer Religiösität. Ich habe aber auch ein Faible für Spuren des Menschen in der Landschaft, fürs Entdecken. Der Besuch des Museums der Landschaft Eiderstedt regte mich an, mich noch weiter mit dem Thema Handel zwischen Nord- und Ostsee zu beschäftigen: Ich habe Lust, den Friesen-Wikinger-Weg zwischen Hollingstedt und Schleswig zu erradeln…

Weitere Aspekte rund ums Thema Meer findest du auf der Seite des Deutschen Historischen Museums Berlin, das die Blogparade #DHMMeer gemeinsam mit der Münchner Kunsthistorikerin Dr. Tanja Praske initiiert. Die Blogparade läuft bis zum 25. Juli, wie du dich beteiligen kannst, erfährst du hier.

Noch ein Hinweis in eigener Sache: Das direkte Kommentieren des Blogbeitrages ist derzeit leider aus technischen Gründen nicht möglich. Falls dir dieser Blogbeitrag gefällt, freue ich mich, wenn du den Post in deinen sozialen Netzwerken teilst und kommentierst. Dafür ein herzliches Dankeschön!

Dir gefällt der Beitrag? Dann teile ihn mit deinen Freunden.

2 thoughts on “Pilgern auf Eiderstedt: Vom #KultBlick zu #DHMMeer”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.