Käte, Zen und die Hirsche: Auf der Spur des „Alten Eisens“ in Büdelsdorf

Das rote Lichterband verbindet die Ausstellungsräume im Eisenkunstgussmuseum. © Katrin Krumpholz

Das rote Lichterband verbindet die Ausstellungsräume im Eisenkunstgussmuseum. © Katrin Krumpholz

Am 1. Juli 2016 eröffnete in Büdelsdorf ein Museum, das mich von Anfang neugierig machte – schon alleine seines sperrigen Namens wegen: das Eisenkunstgussmuseum. Eisenkunstguss? Was für ein Wort! Aber viel spannender ist die Frage: Was weiß ich darüber? Außer einem gusseisernen Ofen und einer Pfanne fällt mir spontan nichts ein. Es scheint bisher kaum Berührungspunkte gegeben zu haben. Dachte ich zumindest.

Das Museumsgebäude aus den Jahren 1959 bis 1961 wurde vier Jahre lang von Grund auf saniert, die Ausstellung neu konzipiert: Die Sammlung von Käte Ahlmann (1890-1963) sollte Besuchern modern und interaktiv präsentiert werden. Käte Ahlmann? Der Name Ahlmann ist mir ein Begriff im Zusammenhang mit der NordArt: Direkt gegenüber des Eisenkunstgussmuseums wird seit 1997 internationale, zeitgenössische Kunst ausgestellt. Das Ehepaar Ahlmann – Eigentümer und Geschäftsführer des Aco-Konzerns – ist Sponsor und Mäzen des jährlichen Ausstellungsreigens in den weitläufigen Hallen der ehemaligen Eisengießerei Carlshütte.

Der älteste Industriebetrieb Schleswig-Holsteins

Das Museum stiftete Unternehmerin Käte Ahlmann 1960 anlässlich ihres 70. Geburtstages. © Katrin Krumpholz

Das Museum stiftete Unternehmerin Käte Ahlmann 1960 anlässlich ihres 70. Geburtstages. © Katrin Krumpholz

Die Carlshütte wurde 1827 gegründet und ist damit nicht nur der älteste Großbetrieb in Schleswig-Holstein, sondern galt auch als das größte Stahlwerk Norddeutschlands; bis der Betrieb 1974 in Konkurs ging. Aus dem Betrieb ging das Unternehmen Aco hervor. Gefertigt wurden Eisenkunstgussobjekte für die Landwirtschaft, den Bau und den Alltag. Doch Unternehmerin Käte Ahlmann produzierte nicht nur Krüge, Töpfe, Tische und Stühle, sondern sammelte sie auch. Gut 300 Exponate umfasst ihre Sammlung, für die sie anlässlich ihres 70. Geburtstages 1960 ein Museum stiftete. Zum reduzierten neuen Museumskonzept gehört, das nicht alle ausgestellt sind.

Bei meiner Recherche zu Käte Ahlmann stieß ich auf ein lesenswertes Porträt in der ZEIT– aus dem Jahr 2014 (kostenfreie Registrierung notwendig). Darin wird sie als Alleinherrscherin über Norddeutschlands größtes Stahlwerk dargestellt. Als taffe, aber weibliche Frau erkämpfte sie sich ihren Platz in der Männerwelt ab den 1930er Jahren. Sie förderte Frauen in den Naturwissenschaften und als Arbeitnehmerinnen – für sie eine Selbstverständlichkeit. Ihre Porträtbüste aus Eisenguss empfängt Besucher im Foyer des Museums, umgeben von einem rotleuchtenden Band. Unschwer zu interpretieren als flüssiges Eisen, das sich als verbindendes Element durch die Ausstellungsräume zieht.

Drei Farben Schwarz. Rot. Weiß

Indirektes Licht fällt durch die Glasbausteinfassade ins Innere des Eisenkunstgussmuseums. © Katrin Krumpholz

Indirektes Licht fällt durch die Glasbausteinfassade ins Innere des Eisenkunstgussmuseums. © Katrin Krumpholz

Das Rot des flüssigen Eisens, das Schwarz der Eisengussobjekte und das Weiß der Wände bilden eine harmonische Farbtrilogie, die sich durch das gesamte Haus zieht. Dazu das klare, reduzierte Ausstellungskonzept – beides fasziniert mich von Anfang an. „Zen“, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf. Am Ende meines Besuchs wird das „kleine, regionale Nischenmuseum“ für mich nicht nur eines der ästhetischsten Museen sein, das ich in meinem bisherigen Kulturleben gesehen habe, sondern ein gelungenes Gesamtkunstwerk, das mir ein Stück Industriegeschichte Schleswig-Holsteins nahebrachte.

Von außen erscheint das Museum zunächst unscheinbar: ein schlichter Flachdachbau, typisch für die Architektur der 1960er Jahre. Im ersten Moment irritiert mich der Anblick der Glasbausteinfassade der Südwand, so funktional sie auch ist: Im Innern des ersten Ausstellungsraumes ist dadurch ausreichend Tageslicht, ohne dass man sich auf dem Präsentierteller fühlt. Das Eisenkunstgussmuseum „ist ein Museum, das sich völlig von der Außenwelt zurückzieht, um sich gänzlich auf die Präsentation der Sammlung zu konzentrieren“ lese ich in der Museumspublikation (S. 21).

Interaktiv und digital: Die neue Ausstellung

Der "Kompagnon" begleitet Museumsbesucher durch die Ausstellung und gibt zusätzliche Infos zu Exponaten.  © Katrin Krumpholz

Der „Kompagnon“ begleitet Museumsbesucher durch die Ausstellung und gibt zusätzliche Infos zu Exponaten. © Katrin Krumpholz

Interaktive Stationen und ein Tabletguide vermitteln die Kulturgeschichte des Eisenkunstgusses und die Besonderheiten des Materials. Den Namen „Kompagnon“ für den digitalen Museumsführer finde ich sehr witzig, denn er erzählt – natürlich – ein Stück Hüttenalltag: Was der Kumpel im Bergbau, ist der Kompagnon in der Eisenhütte.

Der Kompagnon hält weiterführende Informationen zu einzelnen Ausstellungsexponaten und den kurzen Texttafeln bereit; insgesamt Material für rund 1,5 Stunden individuellen Rundgang. Mit dem Kompagnon lassen sich auch zwei Filme starten – der erste dokumentiert den Herstellungsprozess eines gusseisernen Tisches mit floralem Dekor; ein zweiter erzählt die Geschichte des „Fer de Berlin“.

Das Berliner Eisen

Hinter dem Berliner Eisen verbirgt sich eine Geschichte aus der Zeit der napoleonischen und Befreiungskriege: Frauen bat man, ihr „Gold für Eisen“ zu geben, um die leeren deutschen Kriegskassen zu füllen. „Patriotische Colliers“ titelt die ZEIT in einem Artikel aus dem Jahr 2005. Das „Berliner Eisen“ stammte aus der Königlich Preußischen Eisengießerei.

Ungewöhnliche Exponate und ungewöhnliche Präsentation im Themenraum "Fer de Berlin" (Berliner Eisen). © Katrin Krumpholz

Ungewöhnliche Exponate und ungewöhnliche Präsentation im Themenraum „Fer de Berlin“ (Berliner Eisen). © Katrin Krumpholz

Am Themenraum „Fer de Berlin“ begeistert mich die ungewöhnliche Glaskuben-Installation mit den gezeigten Objekten vor dem Grundriss des Berlins um 1800. Ich bestaune die filigranen Kunstwerke in den Vitrinen, die die edlen Spenderinnen als Entschädigung für ihren Goldschmuck erhielten: Ohrringe, Colliers und Spangen aus Eisenguss! Der Wert eines Schmuckstücks läge im vierstelligen Bereich, verrät mir eine Museumsbesucherin und offensichtliche Kennerin der Materie.

Auf Motivjagd

Die Gussöfen im nächsten Raum sind hingegen keine Überraschung, wohl aber die unterschiedliche Qualität der einzelnen Ofenplatten vom 15. bis ins 19. Jahrhundert. Vor einem Bild des Londoner Kristallpalastes – der anlässlich der Weltausstellung 1851 erbaut wurde – begutachte ich Töpfe, Becher und Schalen aus Eisenguss, Alltagsprodukte, wie sie die Carlshütte einst produzierte.

Ich glaube, ich stehe im Wald: im Themenraum „Jagd“ bei all den Hirschen und anderen Waldbewohnern. © Katrin Krumpholz

Ich glaube, ich stehe im Wald: im Themenraum „Jagd“ bei all den Hirschen und anderen Waldbewohnern. © Katrin Krumpholz

Im Themenraum „Jagd“ muss ich schmunzeln: Dort dokumentieren verschiedenste Ausführungen von Hirschen – liegend, stehend, als Trophäenbüsten, klein, groß – die Vorliebe für das tierische Sujet im 19. Jahrhundert. Skeptisch beobachte ich jedoch Besucher an der Mitmachstation „Jagdspiel“: Als Jäger auf der Lauer erschießen sie per Buzzer auf einer Leinwand Trickfilm-Waldtiere. Jeder Treffer befördert ein historisches Jagdgemälde mit kurzer Erläuterung zutage. Nett gemeint. Aber so gar nichts für mich.

Historische Köpfe und Neujahrsgrüße

Absolut mein Ding ist hingegen der letzte Themenraum „Denkmalrezeption“: Auf Podesten sind eine Vielzahl an Büsten und Skulpturen ausgestellt, darunter Herrscher und berühmte Persönlichkeiten der Geschichte wie Napoleon und Luther. An der Wand hängen Drucke von Kathedralen und Kirchen – vor allem aus Nordrhein-Westfalen. Darunter verläuft ein meterlanges Lupenboard, durch das ich Miniaturtafeln mit Abbildungen der gezeigten Gotteshäuser aus Eisenguss bewundern kann. Diese Tafeln waren einst Grußkarten zu Neujahr. Mich begeistert die Kunstfertigkeit, mit der die Motive gearbeitet sind.

Im Themenraum „Denkmalrezeption“ stehen Skulpturen und Büsten historischer Persönlichkeiten wie Napoleon in typischer Pose. © Katrin Krumpholz

Im Themenraum „Denkmalrezeption“ stehen Skulpturen und Büsten historischer Persönlichkeiten wie Napoleon in typischer Pose. © Katrin Krumpholz

Doch nicht nur die Vielfalt der gezeigten Objekte aus dem späten 15. bis ins 21. Jahrhundert, aus dem deutschen, europäischen und asiatischen Raum faszinieren mich am Ende meines Besuchs; mich überrascht vor allem die Dimension der kulturhistorischen Bedeutung des Materials Gusseisen. Die moderne Darstellung anhand ausgewählter Exponate und die passende Architektur á la Bauhaus gefallen mir sehr gut.

Es gibt nur ein paar Aspekte in der digitalen Vermittlungsstrategie, die ich für nicht optimal gelöst und ausbaufähig halte. Für einen digitalen Begleiter sind die Inhalte für meinen doch eher unkritischen Geschmack zu analog. Hier sehe ich Potential für Augmented-Reality-Anwendungen, gerade mit Blick auf jüngere und digitalaffine Zielgruppen. In jedem Fall Inhalte mit digitalem Mehrwert. Für mich persönlich spielt dieser Umstand (erstmal) weniger eine Rolle, weil mich das Thema sowie die Ästhetik des Hauses sehr positiv und nachhaltig überrascht haben. Daher mein Prädikat: absolute Besuchsempfehlung!

Information

Eisenkunstgussmuseum
Ahlmannallee 5
24782 Büdelsdorf
www.schloss-gottorf.de

Öffnungszeiten
Di–Sa 12–17 Uhr
So 10–17 Uhr

Eintritt
Regulär 5,00 Euro
Erm. 3,00 Euro

Sonntags ist der Eintritt frei (inklusive einer Tasse Gratis-Kaffee), ebenso mit einem NordArt-Ticket (2018: bis 7. Oktober).

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