Till Eulenspiegel – eine Legende als Kulturerbe und Touristenmagnet

Der schwebende Till begrüßt Besucher im Eulenspiegel-Museum Mölln. © Uwe von Schirp

Der schwebende Till begrüßt Besucher im Eulenspiegel-Museum Mölln. © Uwe von Schirp

In seinem neuesten Werk widmet sich Daniel Kehlmann der literarischen Figur Till Eulenspiegel – und reiht sich damit in die lange Schlange von Schriftstellern ein, die sich mit dem legendären Narren beschäftigten. „Klasse“, denke ich, „das lässt sich ja bestens in einem Blogbeitrag mit einem früheren Besuch des Eulenspiegel-Museums in Mölln verbinden!“ Gesagt, getan.

Gesamtkunstwerk Buchveröffentlichung

Tyll-Cover mit einer Szene aus Goyas "Die Beerdigung der Sardine". Foto: Katrin Krumpholz

Tyll-Cover mit einer Szene aus Goyas „Die Beerdigung der Sardine“. Foto: Katrin Krumpholz

Im Buchladen sprang mich zunächst etwas befremdend die fratzenhaft grienende Maske auf dem Cover an. Auf den zweiten Blick die vier Buchstaben in knalligem Orange: TYLL. Neugierig recherchierte ich und stellte fest: Das Titelbild ist sehr passend zur Geschichte gewählt! Der Bildausschnitt entstammt Francesco de Goyas Werk „Das Begräbnis der Sardine“ (um 1808–1814) und zeigt einen typischen spanischen Faschingszug am Aschermittwoch.

Dem Gemälde werden mehrere Deutungen zugeschrieben: Unter anderem wird darin die Kritik an der „verdummenden Macht der Kirche“ gesehen, aber auch die Freude über den Abzug der napoleonischen Truppen. Die Maske auf dem Transparent und die beiden weißgekleideten Personen im Vordergrund wirken jedenfalls eher bedrohlich, denn amüsierend. Irgendwie düster ist die Bildstimmung – was auch zu dem „düsteren barocken Bild“ passt, das Kehlmanns Werk beschreibt. So ein Rezensent.

Tyll als Müllerssohn

Kehlmann versetzt seinen Tyll Ulenspiegel (die Schreibweise orientiert sich an der mittelhochdeutschen) nämlich in die Zeit des 30jährigen Krieges. Dort wird er als Müllerssohn geborenen und vagabundiert später als Gaukler durchs Land, von Hof zu Hof. In diesem Jahr wird dem Ausbruch des 30jährigen Krieges zum 400. Mal gedacht – das Elend, das dieser Krieg in Europa hervorbrachte, ist beeindruckend mit dem Schicksal Tylls verwoben. Und auch, wenn über das Leben der Legende nichts bekannt ist: Genauso hätte Tyll aufwachsen können. Beim Lesen war der kleine Tyll jedenfalls sehr lebendig vor meinem inneren Auge, etwa bei seinen Versuchen, das Seiltanzen zu lernen, übend, fallend, weiterübend. Oder sich selbst in jeder freien Minute das Jonglieren beibringend.

Die kleinste Eulenspiegel-Ausgabe im Möllner Eulenspiegel-Museum hat Daumengröße! © Uwe von Schirp

Ähnlich wie der belgische Autor Charles de Coster wählte Kehlmann kriegerische Zeiten: De Coster schildert in seinem Werk „Tyll Ulenspiegel und Lamme Goedzak“ den Freiheitskampf der Flamen gegen die spanische Unterdrückung – in französischer Sprache. Das Werk avancierte zum flämischen Nationalepos und begründete zugleich die moderne französischsprachige Literatur Belgiens. Damit zählt es, wie meiner Meinung nach die Legende von Till Eulenspiegel selbst, zur Kategorie „Weltliteratur“. Dazu später mehr.

Die Jesuiten kommen stellvertretend für die Kirche in Kehlmanns Werk nicht gut weg: Der angesehene Jesuit Tesimond ist als Hexenjäger und Drakologe weithin bekannt – schützt sich aber selbst mit denselben Zaubersprüchen vor Drachen (!) wie Tylls Vater Claus sich und seine Familie: Der wissensdurstige, liebevolle, etwas weltfremde Müller wird nach einem Verhör von Tesimond als Hexer gebrandmarkt und vor den Augen des kleinen Tyll hingerichtet. Der wiederum selbst die magischen Zeilen kennt. Es ist an manchen Stellen schon sehr beklemmend zu lesen, wie unfrei Menschen damals waren, dass Vagabunden wie Gaukler und Spieler keine Rechte hatten. Wie gefährlich man lebte, wenn man nicht den Normen der Kirche entsprach.

Zwischen Fiktion und Realität

Till Eulenspiegel als musizierender Narr. © Uwe von Schirp

Till Eulenspiegel als musizierender Narr. © Uwe von Schirp

Welch falsches Spiel jedoch Geistliche spielten, wurde auch an einem anderen Beispiel deutlich: Tesimonds Assistent, ein ehrgeiziger, unsympathischer junger Mann, gab zu, in seinen Büchern nur zu lügen. Erfolgsbesessen wie er war, schaffte er es damit jedoch bis zum angesehenen Experten, obwohl er keine Ahnung hatte. Kehlmanns Geschichte ist bis auf die historisch korrekten Bezüge und historische Personen ebenfalls erfunden – aber durch und durch glaubhaft. Dieses Spiel mit Wahrheit und Fiktion rund um eine wahrheitsliebende Legende, aber auch die (Lügen-)Geschichte(n) in der Geschichte selbst, gefielen mir sehr gut. Ein wunderbarer roter Faden, der sich durch das Buch zieht.

Der fahrende Seiltänzer und Immer-mal-wieder-Hofnarr Tyll ist letzten Endes die ehrlichste, weil authentischste Person des Romans, gemeinsam mit seiner Begleiterin Nele. Als Hofnarr hat er offiziell die Erlaubnis, seinem Herren ungeschönt die Wahrheit zu sagen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Und damit kommt der Kehlmann-Tyll der Legende sehr nah, die ihrem Umfeld lediglich einen Spiegel vorhielt und Dinge zu wörtlich nahm. Schließlich war Eulenspiegel weniger komisch, als vielmehr kokett, frech, schlau.

Der letzte Drache starb in Schleswig-Holstein

Als Wahl-Schleswig-Holsteinerin fand ich die kurze Episode, die im Zusammenhang mit dem Gottorfer Hof steht, besonders amüsant: Hexen- und Drachenjäger Tesimond trifft in Schleswig auf Adam Olearius, den Gelehrten und Wissenschaftler, auf den u. a. der Gottorfer Globus sowie der Gottorfer Codex zurückgehen. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach dem letzten Drachen des Nordens: Laut „Tyll“ starb dieser in der Holsteiner Ebene. Was, wenn der Rücken des Drachens die Holsteinische Schweiz geformt hat!? Ein schönes Gedankenspiel.

Von hier, also, von Schleswig, aus, wäre es nun literarisch gesehen ein Katzensprung nach Mölln, wo Till Eulenspiegel der Legende nach begraben liegt, doch in Kehlmanns Werk führt ihn sein Weg weiter an den Wiener Hof. Der Roman endet gegen Ende des 30jährigen Krieges, in einer Zeit, in der das Menuett als neuester Modetanz galt.

Die Eulenspiegelstadt Mölln

Das gleichzeitige Reiben von Tills Daumen und Zeh bringt Glück. © Uwe von Schirp

Das gleichzeitige Reiben von Tills Daumen und Zeh bringt Glück. © Uwe von Schirp

Mölln ist bereits seit dem 16. Jahrhundert (!) ein Besuchermagnet und trägt stolz den Beinamen „Eulenspiegel-Stadt“. Denn: In Mölln liegt nicht der Hund, aber der Legende nach Till Eulenspiegel begraben. Die Streiche 91 bis 96 – seine letzten Streiche – hat er denn auch den Möllner Bürgern gespielt, bevor er 1350 starb.

Auf dem Marktplatz – an dem das Eulenspiegel-Museum liegt – und an der Nikolaikirche erinnern der Brunnen und ein Grabstein an den Narren, der einst sein Unwesen in der Stadt trieb. Seit 1996 befindet sich das Museum im historischen Fachwerkhaus – die Ausstellung geht über zwei Etagen. Der Museumsrundgang startet mit der Schuh-Szene: Bereits am Eingang sehe ich eine auf dem Seil schwebende Till-Figur im grünroten Narrenkostüm, Schuhpaare in den Händen haltend. In der originalen Schwanksammlung war Till zwar kein Narr, aber im Laufe der Zeit wurden im die Narren-Attribute zugeschrieben. Hinzugedichtet. Ein Vehikel, um der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu müssen.

Im kulturgeschichtlichen Eulenspiegel-Kosmos

Unbedingt buchen: eine Führung durchs Eulenspiegel-Museum. © Uwe von Schirp

Unbedingt buchen: eine Führung durchs Eulenspiegel-Museum. © Uwe von Schirp

Dass alles weiß ich erst seit meinem Besuch im Möllner Eulenspiegel-Museum – dank Museumsleiter Michael Packheiser, der mich durch das historische Gebäude und die Ausstellungen führt. Im Erdgeschoss sind Drucke und Plastiken zu sehen, sowie bekannte Streiche in Miniaturformat. So erinnert eine große Holztruhe mit Steinen an den Satz „Ich mache euch steinreich“.

Im Obergeschoss hingegen sind es vor allem unzählige Figuren, Plastiken und Drucke, aber auch jede Menge Nippes, die Besucher wie mich begeistern: von Porzellan-Figuren über Till-Comics bis hin zur kleinsten Till-Ausgabe in Daumengröße. Michael Packheiser nennt mir den aktuellen Preis für Eulenspiegel-Figuren aus Meißner Porzellan. Bei der vierstelligen Zahl verschlägt es mir glatt die Sprache.

Weltweit begeisternder Literaturstoff

Rund 800 Ausgaben rund um die Eulenspiegeleien gibt es. © Uwe von Schirp

Rund 800 Ausgaben rund um die Eulenspiegeleien gibt es. © Uwe von Schirp

Wir werfen einen Blick ins Archiv: Viele Schriftsteller haben sich mit Till Eulenspiegel auseinandergesetzt, wie Charles de Coster, Erich Kästner, Christa Wolf. Bekannte Künstler wie Erich Klahn und A. Paul Weber haben Buchillustrationen angefertigt. „Und nicht nur das – im Prinzip hat jedes Land seinen Eulenspiegel“, erzählt mir Michael Packheiser begeistert. Nasreddin Hodscha hieße er etwa in der Türkei, der jüdische Eulenspiegel Hersch Ostropoler. Rund 800 Ausgaben gibt es seit den ersten Werken aus den Anfängen des Buchdrucks! Mich beeindruckt, welche Begeisterung Figur und Stoff Till Eulenspiegel über Jahrhunderte hinweg hervorriefen, welch kulturgeschichtliche Bedeutung sie haben – bis heute. Mir stellt sich die Frage, wer ein moderner Till Eulenspiegel sein könnte?

Touristisches Zugpferd bis heute

Interessiert und mit einem Augenzwinkern betrachte ich im 2. Stock des Museums die touristischen Plakate, mit denen Mölln zu Beginn des 20. Jahrhunderts warb. Kannst du dir vorstellen, dass Karstadt in den 1950er Jahren Sonderzüge mit bis zu 400 Personen von Hamburg (!) nach Mölln einsetzte – um das Eulenspiegel-Museum zu besichtigen?

Pilgerort für Till-Fans: die Grabplatte an der Möllner Nikolaikirche. © Uwe von Schirp

Pilgerort für Till-Fans: die Grabplatte an der Möllner Nikolaikirche. © Uwe von Schirp

Aber auch heute ist Eulenspiegel noch ein Zugpferd für die Stadt. In Mölln finden nämlich alle drei Jahre Eulenspiegel-Festspiele statt, das nächste Mal in diesem Sommer. Hast du Lust auf reale Eulenspiegeleien? Infos gibt’s hier.

Falls du Lust hast, noch einmal die 96 Streiche von Till Eulenspiegel zu lesen – auf der Spiegel-Online-Projektseite „Gutenberg“ sind alle Historien verfügbar.

Kehlmanns Werk wird in der Kritik bislang als sein bisher bester Roman gefeiert, wie ich der Rowohlt-Webseite entnehmen kann. Was ich sagen kann, ist, dass es wirklich brillant geschrieben ist – unterhaltsam, informativ, bildreich, mitreißend. Wie das Möllner Eulenspiegel-Museum beginnt Kehlmanns Roman mit der berühmten Schuh-Szene. Neugierig geworden? Hier gibt’s eine Kostprobe von Kehlmanns „Tyll“: Viel Vergnügen beim Lesen!

 

 

Information
Eulenspiegel-Museum

(gegenüber dem
Historischen Rathaus)
Am Markt 2
23879 Mölln
Telefon 04542 8299371

Öffnungszeiten
Sommersaison
(1. Mai - 31. Oktober)
Mo-Fr 10-13 Uhr / 14-17 Uhr
Sa/So 11-17 Uhr

Wintersaison
(1. November-30. April)
Mo-Fr 14-16 Uhr
Sa/So 11-13 Uhr / 14-16 Uhr

Eintritt:
Erwachsene: 2,50 €
Kinder (6-14 Jahre): 1 €
Kurgäste: 2 €
Familienkarte (max. 4 Pers.): 5 €
Gruppenpreise: über die Tourismus-Information

Weitere Informationen



Tourismus-Information Mölln im historischen Rathaus. © Foto: Uwe von Schirp

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