#myartnight, Banksy und das „Autumn Girl“

Blick über die Schulter der Abend-Künstlerin. Foto: Kursleiterin Helen

Blick über die Schulter der Abend-Künstlerin. Foto: Kursleiterin Helen

Am Mittwochabend habe ich parallel zum Hafen-Podcast-Live-Stream meinen neuen Blogbeitrag angekündigt: Obwohl es weniger um StreetArt im wortwörtlichen Sinne geht, wurde ich beim Schlagwort StreetArt als #KultBlick hellhörig. Vor kurzem sprang mich auf Facebook eine Anzeige an: „ArtNight in deiner Stadt“. Normalerweise ignore ich Facebook-Ads jederart, doch aus irgendeinem Grund – Neugier? Berufliches Interesse? – sprach mich der Begriff „ArtNight“ an. Ich klickte auf den Link. Aber was hat StreetArt nun mit diesem Blogpost zu tun?

Nach der Wahl meiner Stadt auf der Startseite – Kiel –, erhielt ich eine Übersicht über die kommenden Kunstkurse. Beim Scrollen blieb ich bei einem StreetArt-Motiv hängen –  und buchte ebenso spontan, wie ich auf den Link klickte, den Kurs. Warum? Weil ich neugierig auf das Konzept „ArtNight“ war und auf die Location: das spontane Kunsterlebnis in zweieinhalb Stunden im ehemaligen Lessingbad in Kiel.

Das Event: ArtNight

Teil des Konzepts "ArtNight": der Workshop findet in einem schönen Restaurant oder coolen Café statt. Foto: Katrin Krumpholz

Teil des Konzepts „ArtNight“: der Workshop findet in einem schönen Restaurant oder coolen Café statt. Foto: Katrin Krumpholz

Beim Blick auf die Location war klar, dass ich das buchen würde: Für das Café Freistil am Schreventeich, im ehemaligen Schwimmbad in der Lessinghalle, habe ich schon mehrere Empfehlungen bekommen. Gleich zwei Gründe also, um das Cafè zu testen. Ein zweiter Pluspunkt ist die Dauer des Kunstevents: Es dauert von 18 bis 20:30 Uhr. Materialien sind im Preis inbegriffen, nur die Kosten für Speisen und Getränke fallen zusätzlich an. Teilnehmen kann jeder, ohne Vorkenntnisse. Das trifft auf mich nicht ganz zu – ich besuche seit meiner Jugend regelmäßig Kunstkurse, meist an der VHS, und probiere unterschiedliche Techniken und Sparten der Bildenden Künste aus.

Die Location: Freistil

Schönes Ambiente im ehemaligen Lessingbad. Alles ist vorbereitet! Foto: Katrin Krumpholz

Schönes Ambiente im ehemaligen Lessingbad. Alles ist vorbereitet! Foto: Katrin Krumpholz

Beim Gedanken an die Location überkommt mich ein bisschen Wehmut: Das erste städtische (und schönste) Hallenbad Kiels – erbaut 1935 – schloss seine Pforten 2008. Für immer. Wer wissen möchte, wie Schwimmen hier war: Ein wenig ähnelt die Schwimmhalle der Bartholomäus-Therme des Hamburger Bäderlandes dem Lessingbad. Nach einer Zwischennutzung von rund drei Jahren und zwei Jahren Umbau und Sanierung befinden sich heute neben dem Café Freistil ein Kindergarten und die Turnhalle des Humboldt-Gymnasiums im Gebäude. Schade, wie ich finde – ich bin hier gerne schwimmen gegangen. Aber die Kosten für die Sanierung lagen höher als der Neubau des Schwimmbads an der Hörn (in Arbeit).

Der Eingangsbereich – ich stehe mitten im Café – wirkt auf den ersten Blick hell und freundlich, mit seinen hellen Möbeln aus Birke (?) und ausgewählten Accessoires. Die großflächigen Sprossenfenster lassen außerdem viel Licht ins Innere. Trotzdem empfinde ich das Ambiente eher kühl als gemütlich. Am Tresen stehend kann ich mich schwer entscheiden: Kuchen oder Antipasti? Es sieht alles sehr lecker aus. Meine Wahl fällt auf Knabberkram: Brot, Aioli und Oliven. Nebenbei erfahre ich, dass die Stiftung Drachensee Betreiber des Cafés ist. Das bedeutet: Hier arbeiten Menschen mit Behinderung. Mag ich.

Auf die Pinsel, fertig, los!

Fast pünktlich um 18 Uhr begrüßt uns Helen, eine junge Kunstgeschichtsstudentin zu ihrer ersten ArtNight. Sie hat bislang Künstlerin Hille Norden assistiert – gerade bei größeren Gruppen – und wagt sich nun an ihre erste kleine Runde: Wir sind insgesamt zu sechst, inklusive Quotenmann. Zu Beginn erläutert Helen kurz das Konzept des Startups, den Ablauf des Abends – und die Maltechnik. Die ist allerdings nicht ganz Banksy-Style: Wir pausen das Motiv mit Bleistift auf die Leinwand – linksrum oder rechtsrum, ganz wie es uns gefällt. Es geht nicht um das Nachahmen des Motivs, sondern um das Kreativsein, Ausprobieren und Spaß haben.

Dass die „ArtNight“ auf ein Startup-Konzept zurückgeht, überrascht mich. Ich habe tatsächlich vorab nicht weiter recherchiert, was mich erwartet – und daher auch keine Erwartungen. Die Idee finde ich jedoch klasse, vor allem, weil das Konzept – coole Location, Schnupperkurs Kunst, Künstler und Kunstinteressierte als Kursleiter – offensichtlich aufgeht und Menschen anspricht, die sonst vielleicht keinen Pinsel in die Hand nehmen oder Interesse an Kunst haben.

Das Motiv des Abends: Banksys "Balloon Girl" aus dem Jahr 2002. Foto: Katrin Krumpholz

Das Motiv des Abends: Banksys „Balloon Girl“ aus dem Jahr 2002. Foto: Katrin Krumpholz

Seit gut einem Jahr gibt es die junge Firma. Die Künstler suchen die Location aus und bieten dann die Kurse an. Diese wählen sie nach Interesse beziehungsweise Nachfrage. Das sei das Erfolgsrezept der einzelnen Kurse, verrät uns Hellen: die Wahl der Themen, also, Künstler und Motiv. Frida Kahlo sei beispielsweise sehr beliebt, weiß Helen. Mag ich zum Beispiel gar nicht. Weitere Kurse thematisieren die Pop Art á la Roy Lichtenstein, van Goghs Post-Impressionismus und klassische kunsthistorische Themen wie Landschaften.

Ich habe verschiedene Zielgruppen vor Augen, wie eine Mädelsclique, die einer Freundin eine ArtNight zum Geburtstag schenkt. Oder kunstaffine Frauen, die ihre weniger kunstaffinen Partner zum Reinschnuppern überreden. Ja, durchaus klischeehaft. In den FAQs steht aber, dass es auch Kurse für Familien mit Kindern ab sieben Jahren gibt! 😉

Gleichzeitig kommt mir der Gedanke, welche Chance hier für Museen liegt. Berufskrankheit! In der Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern könnten neue Museumsbesucher angesprochen werden. Spannende Locations – das können auch Museumscafés sein, wie im St. Annen-Museum in Lübeck oder der Alte Mann im Kieler Schifffahrtsmuseum. Ganz nach dem Motto: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Propheten kommen. Das ArtNight-Konzept ist definitiv ein niederschwelliges Angebot, das Spaß und Kunsterleben geschickt verbindet.

Mein Artnight-Thema: Banksys „Balloon Girl“

Nicht ganz im Banksy-Style: Vorlage - und durchgepauste Skizze. Foto: Katrin Krumpholz

Nicht ganz im Banksy-Style: Vorlage – und durchgepauste Skizze. Foto: Katrin Krumpholz

Auf den Tischen vor uns ist alles bereit für den Kunstabend: Auf jeden Teilnehmer wartet eine kleine Leinwand, ein Pappteller mit verschiedenfarbigen Acryl-Klecksen und eine Auswahl an Pinseln wie Spachteln. Zur Motivation steht das Vorbild – Banksys „Balloon Girl“ (2002) – in Sichtweite. Jeder erhält zudem eine Kopie des Motivs; los geht’s mit Schritt eins: dem Abpausen. Banksy arbeitet mit Schablone, wir mit Bleistift und Kopieren. Angesichts der Lichtverhältnisse ist das nicht ganz einfach. Einige Teilnehmerinnen halten die Leinwand in die Luft und zeichnen so gegen das schwindende Tageslicht. Der Rest schmunzelt. Ich zeichne grob die Umrisse und arbeite anschließend freihändig nach.

Wie kam ich zu Banksy? Auf Anregung einer lieben Freundin habe ich mir beim Filmfest Emden-Norderney 2010 die Dokumentation „Exit through the gift shop“ angesehen – und war begeistert. Wie das dann manchmal so ist, stolperte ich anschließend immer mal wieder über den Namen Banksy in den sozialen Netzwerken. Seit ich bei Twitter bin, folge ich dem Fan-Account @therealbanksy. Ich mag nicht alle seine Kunstwerke, aber die Idee hinter dem Künstler, sein Konzept und den Schablonen-Stil.

Da Banksy berühmt ist für seine gesellschaftskritische Intention, recherchiere ich den Hintergrund zu „Balloon Girl“. Ein Interpretation finde ich nicht, nur die Historie des Motivs, die bereits Helen in ihrer Begrüßung erzählte: Das Motiv sprayte Banksy 2002 im Londoner Osten an die Hauswand eines Geschäftslokals. Das Kunstwerk wird später aus der Mauer herausgetrennt, gerahmt und für satte 500.000 britische Pfund versteigert. Das Motiv kürten erst vor kurzem 2.000 Briten in einer Umfrage zum Lieblingsbild der Nation.

Mein Kunstwerk: ein „Autumn Girl“

Das Grundgerüst steht. Was jetzt noch fehlt, ist die Farbe! Foto: Katrin Krumpholz

Das Grundgerüst steht. Was jetzt noch fehlt, ist die Farbe! Foto: Katrin Krumpholz

Das Mädchen ist schnell auf die Leinwand gepaust. Beim Herzluftballon bin ich schon weniger inspiriert. Ich lasse meinen Blick auf der Leinwand verweilen. Helen fragt mich, was ich mir denn vorstellen könnte. Gute Frage. Wolken. Einen anderen Luftballon? Eine Sekunde lang denke ich an Sterntaler und sehe prompt herabfallende Sterne vor meinem inneren Auge. Das ist mir zu kitschig. Aber die Idee des Fallens gefällt mir: Was könnte alternativ vom Himmel fallen, außer Sterne? Blätter? Blätter! Ich lasse mich einfach vom Herbst inspirieren – und springe in Gedanken ein Jahr zurück: Im letzten Herbst habe ich einen Aquarellworkshop besucht und einen Tag lang mit Aquarellstiften und verschiedenen Mal- und Spritztechniken experimentiert. Mein Favorit: Blätter aufs leere Blatt Papier. Zahnbürste mit Farbe und viel Wasser versehen – und einfach drauf los klecksen! Herrlich!

Da fehlt noch was - der vorletzte Schritt! Foto: Katrin Krumpholz

Da fehlt noch was – der vorletzte Schritt! Foto: Katrin Krumpholz

Gesagt, getan: Vor der Lessinghalle suche ich ein paar Blätter zusammen – und starte mit dem Sprenkeln. Zunächst über die Blätter. Später dann versuche ich die Blätter festzukleben, mit Farbe. Die weiße Aussparung eines Ahornblattes skizziere ich grob nach, andere Blätter male ich pastos nach. Nach einer Stunde bin ich „fertig“. Mein Blick wandert zur Uhr: Ich habe noch Zeit – bis 20:30 Uhr! Pro Teilnehmer steht nur eine Leinwand zur Verfügung! Was also könnte ich noch ins Bild malen? Also, sprenkle ich weiter, in den Herbstfarben Gelb, Rot, Orange, und experimentiere mit der Anordnung der gemalten und echten Blätter. Ich bastle an einer Herbstcollage. Verändere hier und da noch etwas, ergänze Sprenkel. Gegen Kursende noch welche in Grün, als Komplementärkontrast. Und dann – kurz nach acht bin ich fertig. Und zufrieden.

Mein Fazit: Nett, aber in Zukunft ohne mich

Schon während der Veranstaltung überlegte ich, wie ich die ArtNight denn nun finden sollte. Ich hatte keine Erwartungen an den Abend, wurde also nicht enttäuscht und kann daher nur sagen: Ich mag das Konzept, es hat mir Spaß gemacht, ich bin mit meinem Kunstwerk zufrieden. Aber – es hat mich nicht umgehauen. Konkret gestört hat mich allerdings die Geräuschkulisse aus Musik (Spotify-Playlist), Quatschen in der Gruppe und dazu die Hintergrund-Geräusche des Cafés. Das ist für mich nach einem langen Tag im (lauten) Büro und Dauerkommunikation einfach zu viel Getrubbel. Ich habe es da lieber ruhig. Und da ich sowieso künstlerisch tätig bin (wenn auch nicht so viel wie ich es vielleicht möchte), ist ein Instant-Kunstkurs für mich auch nicht das Richtige. Es lag wohl tatsächlich an der Location, die ich schon lange testen wollte, und am Banksy-Motiv: dem „Balloon Girl“. Daher: Nett, aber in Zukunft ohne mich.

Geschafft: Mein Abendwerk "Autumn Girl" ist fertig! Foto: Katrin Krumpholz

Geschafft: Mein Abendwerk „Autumn Girl“ ist fertig! Foto: Katrin Krumpholz

Laut Webseite sind die Kursleiter „passionierte Künstler“ (Künstler, Kunststudenten oder Hobbymaler); Helen ist Kunstgeschichtsstudentin und malt in ihrer Freizeit. Sie war aufgeregt, hat aber ihre erste ArtNight mit Begeisterung und Herzblut gemeistert! Die Stimmung in der Gruppe war gut, auch wenn die eine und andere Teilnehmerin sehr selbstkritisch mit sich war („Ist das Kunst oder kann das weg?“ oder „Meine Kleckse sind nicht so schön geworden wie deine.“, um nur zwei Beispiele zu nennen).

Mit etwas Mühe habe ich am Ende zwei Stunden lang an meinem Bild gebastelt und gekleckst; sonst wäre ich nach einer Stunde durch gewesen. Für mein Gemälde gab es leider keine Impulse. Bei anderen Teilnehmern gab es aber hier und da den einen und anderen kleinen Tipp. Und viel Lob. Spannend ist natürlich, dass alle Kunstwerke völlig unterschiedlich und individuell wie die TeilnehmerInnen sind. Auch das inspiriert zwischendurch bei einem Blick über die Schulter der MitstreiterInnen.

Die ArtNight ist „Kunsterlebnis light“; es geht weniger ums Lernen, mehr ums Ausprobieren, Spaß haben und vielleicht auch um neue Leute kennenzulernen. Jede/r kann schnell nach Vorlage ein Kunstwerk gestalten, völlig frei Schnauze interpretieren. Ich kann verstehen, dass die ArtNight (weniger) Kunstinteressierte begeistert, und sicherlich einige Teilnehmer auch zu Wiederholungstätern werden (wie ich den Facebook-Bewertungen entnehmen kann). Ich würde in Zukunft jedoch wieder den klassischen, den VHS-Kurs buchen (gesagt getan: Im November zeichne ich im Zoologischen Museum Kiel.) 😉

Übrigens: Die Startup-Gründer schlagen sich am 24. Oktober in der „Höhle des Löwen“. Die Sendung kenne ich zwar nur vom Hörensagen, aber das Ergebnis wird sich ja recherchieren lassen. 😉 Ich drücke die Daumen!

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