Schlachtberg mit Monumentalwerk

Das Panorama-Museum auf dem Schlachtberg in Frankenhausen. © Foto: Panorama Museum Bad Frankenhausen

Frankenhausen in Nordthüringen steht für eine der bedeutendsten Schlachten und das Ende des Bauernkrieges. In einem blutigen Gemetzel auf dem Weißen Berg nahe der Stadt ließen 6.000 Bauern ihr Leben. Sie standen unter Führung des Reformators Thomas Müntzer. Heute heißt der Weiße Berg Schlachtberg, der Weg hinauf Blutrinne. Auf der Kuppe, wo sich die Bauern 1525 in einer Wagenburg verschanzten, erhebt sich heute – einer Wagenburg gleich – ein zylindrisches Bauwerk: das Panorama Museum. Die fünfte Station unserer Reihe Orte der Reformation.

Dieser Beitrag entstand aus einer Pressereise der Thüringer Tourismus GmbH.

Wie eine Spirale windet sich die Blutrinne um den Berg. Die heutige Zufahrt werden die Landsknechte nicht genommen haben, als sie am 15. Mai 1525 mit Artillerie, Reiterei und Fußtruppen die Bauern von allen Seiten angreifen. Der Angriff kommt plötzlich und überraschend: ein Bruch des zuvor vereinbarten dreistündigen Waffenstillstandes. 8.000 aufständische Bauern stehen einem 6.000 Mann starken Heer gegenüber.

Das Bauernkriegsmuseum in Mühlhausen zeigt ein Modell der Schlacht am Weißen Berg von Frankenhausen am 15. Mai 1525. © Foto: Uwe von Schirp

Müntzer und die Fahne der Freiheit

Mit mit 300 Mühlhäusern und der Regenbogenfahne zog Müntzer in die Schlacht nach Frankenhausen. „Verbum domini maneat in etternum (Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit) – Die ist das Zeichen des ewigen Bundes Gotes“ steht auf dem Stoff. Eine solche rekonstruierte Fahne hängt im Bauernkriegsmuseum in Mühlhausen. © Foto: Uwe von Schirp

Landgraf Philipp I. von Hessen und Herzog Georg der Bärtige aus dem albertinischen Sachsen haben zuvor eine Auslieferung Müntzers gefordert. Die Bauern beraten darüber – und lehnen ab. Müntzer predigt ein letztes Mal. Als die Aufständischen noch unter dem Eindruck der Predigt stehen, überraschen die fürstlichen Truppen sie. Panik bricht aus. Müntzer versteckt sich erst in der Stadt. Er wird gefunden, verhört, gefoltert und Tage später schließlich in Mühlhausen enthauptet. Ein Gedenkstein unterhalb des Panorama Museums erinnert an Müntzer und die Schlacht. „Freiheit“ ist in eine steinerne Fahne gemeißelt.

Historische Zusammenhänge und Originalfunde aus dem Bauernkrieg zeigt das Regionalmuseum unten in der Stadt. Oben auf dem Berg im Panorama Museum treffe ich auf eine künstlerische Rezeption. „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ ist der offizielle Name eines Monumentalgemäldes von Werner Tübke.

Tübkes Herausforderung

Bei einem Umfang von 123 Metern und einer Höhe von 14 Metern stockt mir der Atem. Und ich bin froh, dass Museumsmanagerin Silke Krage unsere Journalistengruppe durch das beeindruckende Panorama führt. Gleich mehrere Szenen zeigen die Reformatoren Thomas Müntzer und Martin Luther. Biblische Motive – wie der Turmbau zu Babel oder das Jüngste Gericht – wechseln mit apokalyptischen Vorstellungen und mit Darstellungen aus dem Bauernkrieg. Mehr als eine Retrospektive auf die gewaltigen Veränderungen an der Zeitenwende vom späten Mittelalter zur Neuzeit.

 


Bildsaaltour

Das Panorama Museum Frankenhausen lädt auf seiner Website zu einem virtuellen Rundgang durch das monumentale Panorama ein. Benötigt wird ein Flashplayer (Download bei Bedarf auf der Seite des Museums).
Hier geht es zur Bildsaaltour.


 

Das Monumentalgemälde ist eine Auftragsarbeit der DDR-Regierung anlässlich des 450. Jahrestags der Bauernkriegsschlacht im Jahr 1975. 1974 ist Grundsteinlegung für den 18 Meter hohen Betonbau. 1976 erteilt das DDR-Kulturministerium dem Leipziger Maler und Kunstprofessor den Auftrag. Sieben Jahre setzt sich Werner Tübke mit der Herausforderung auseinander, erschafft zwischen 1979 bis 1981 eine Vorfassung im Maßstab 1:10.

Dürer und Cranach als Vorbilder

Die Intention der SED-Führung ist ein Schlachtengemälde in der Tradition sozialistischer Heldenverehrung. Tübke stellt aber Bedingungen, etwa keine Momentaufnahme zu schaffen, sondern ein geschichtsträchtiges „Welttheater“ von höchster Verallgemeinerungskraft. Sein Ziel: die Darstellung einer Epoche mit ihren ökonomischen, geistigen und religiösen Vorstellungen. „Uns war bewusst, dass es nicht um einen DDR-Staatsauftrag ging, sondern um Weltgeschichte“, erklärt Silke Krage bei unserem Besuch. Sie arbeitet von Anbeginn an im Panorama Museum.

Werner Tübkes künstlerische Vorbilder sind Albrecht Dürer und Lucas Cranach der Ältere. Sein Stil verbindet eigene Techniken mit denen der Alten Meister. „Wer heute aber vor einem Bild von Tübke steht, den mag ebenso erstaunen, dass dieser Künstler ein Zeitgenosse von Picasso oder Warhol war –  so sehr blendete der glühende Fantast die Moderne um sich herum aus und verschloss sich mit denkbarer Entschiedenheit allen Stoßrichtungen und Attitüden des 20. Jahrhunderts“, schreibt Georg Imdahl 2004 zum Tod von Tübke in einem Beitrag für den Kölner Stadtanzeiger.

Malerischer Maßstab

Das Monumentalgemälde im Panorama Museum gilt in der Kunstgeschichte von seiner handwerklichen Meisterschaft und der geistigen Komplexität her als das Werk eines Genies. Während Werner Tübke den Modellentwurf malt, laufen im Museumsbau die Vorarbeiten. 1722 Quadratmeter Leinwand lässt der damalige DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann im sowjetischen Textilkombinat Sursk weben – an einem Stück. Ein Frankenhäuser Sattler näht die beiden Enden zusammen. 1,1 Tonnen wiegt die Leinwand – bevor sie bemalt wird. Spezialisten versehen sie mit einer Grundierung aus der russischen Ikonenmalerei, die das Kunstwerk für Jahrhunderte konservieren soll.

Als die Konturenzeichnungen in zehnfacher Vergrößerung von der Vorfassung auf die Leinwand übertragen sind, beginnt Tübke das „Abenteuer“, wie er es nennt, am oberen Bildrand im so genannten „Jüngsten Gericht“. Es ist im Jahr 1983. Mit dem Strudel von Menschen in monochromen Farben setzt er den malerischen Maßstab für die Künstlerkollegen, die den Meister bei den weiteren Arbeiten in alter Bauhüttentradition unterstützen sollen.

Rezeptions- und Kulturgeschichte

Die Arbeit ist eine Strapaze für alle Beteiligten. Nach und nach scheiden die Helfer aus. Auch Tübke muss nach einem Daumenmuskelriss in der Malerhand für drei Monate pausieren. Seit April 1986 steht ihm nur noch Eberhard Lenk als letzter Malerkollege zur Seite. Im Herbst 1987 sind 3000 Figuren – bis zu drei Meter groß – auf die Leinwand gemalt: darunter auch Dürer und Tübke selbst. Am 16. Oktober signiert der Meister sein Kunstwerk. Am 14. September 1989, acht Wochen vor dem Fall der Mauer, öffnet das Panorama-Museum.

Der Vorplatz des Panorama Museums. © Foto: Panorama Museum Bad Frankenhausen

Als wir das Museum verlassen, versuche ich eine Einordnung. Der Frankenhäuser Schlachtberg ist ein authentischer Ort der Reformationszeit ohne originale Zeugnisse. Werner Tübkes Monumentalgemälde ist eine ebenso herausfordernde wie beeindruckende Darstellung der Epoche. Und damit ein Stück Rezeptionsgeschichte und zugleich Kulturgeschichte aus der Spätphase der DDR.

Lutherweg

Über den Lutherweg (der zum Teil über die Blutrinne führt) geht es in den Ortskern. Am Fuß des Schlachtbergs liegt die Kirche Unserer lieben Frau am Berge. 4,60 Metern weicht die Turmspitze vom Lot ab. Damit hat der Turm eine größere Neigung als der schiefe Turm von Pisa. Grund für die Schieflage ist Wasser, das die Gips- und Salzschichten unter der Erde auswäscht. „Der schiefe Turm“ ist ein eingetragenes Markenzeichen.

Zum symbolischen Preis von einem Euro kaufte die Stadt 2011 das Wahrzeichen von der evangelischen Kirchengemeinde. Geologen und Baustatiker setzen seit gut zwei Jahren ein Sicherungskonzept um. Schließlich ist die Bergkirche, wie sie auch heißt, 630 Jahre alt und als Bauwerk der Hochgotik ein wichtiges Kulturdenkmal der Stadt. Der Lutherweg führt über den Marktplatz zum Regionalmuseum mit den Zeugnissen der Reformation – und von dort in Richtung Süden nach Erfurt. Und erst dann nach Mühlhausen – zu Thomas Mützers Schafott.

 

Information
Panorama Museum

Am Schlachtberg 9
06567 Bad Frankenhausen

Öffnungszeiten
November bis März
Mo: geschlossen
Di-So: 10-17 Uhr

April bis Oktober
Mo: geschlossen
Di-So: 10-18 Uhr

In den Monaten Juli und August ist auch montags von 13-18 Uhr geöffnet.
Sonst ist das Museum montags (außer an gesetzlichen Feiertagen) sowie am 24. Dezember geschlossen.

Telefon 034671 / 619-0
E-Mail senden
Weitere Informationen

© Foto: ZK-Medien


Orte der Reformation im Radio

Die Blogbeiträge unserer Serie „Orte der Reformation“ begleiten eine gleichnamige Reihe im Sonntagsmagazin „kreuz & quer“ bei Radio MK mit Moderatorin Sabine Langenbach. Zu hören sind sie Sonntagsmorgens zwischen acht und neun im Livestream – oder im Mitschnitt als Podcast hier:

Teaser Orte der Reformation – Folge 5: Frankenhausen

Beitrag Orte der Reformation – Folge 5: Frankenhausen


Dieser Text gehört zur Blogparade `Mein Sommer: Zwischen Brotjob, Kultur und Ferien´. Kulturmacher*innen und Kulturschreiber*innen, die sich dieser Aktion anschließen wollen, finden die Teilnahmebedingungen unter https://kulturblogclub.wordpress.com/2017/06/21/einladung-aktion-sommer-zwischen-brotjob-kultur-ferien/


Die vorangegangenen Beiträge der Serie „Orte der Reformation“:

Folge 1: Erfurt

Folge 2: Eisenach – Altstadt

Folge 3: Eisleben

Folge 4: Mühlhausen

 

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