A-B-C: Augustiner – Burse – Collegium

Der Kreuzgang im Erfurter Augustinerkloster. © Foto: Uwe von Schirp

Orte der Reformation – Folge 1: Erfurt

500 Jahre Reformation: Kaum eine Stadt in Mitteldeutschland, in der sich keine Spuren finden lassen. Lutherwege weisen Wanderern, Radfahrern und Pilgern den Weg. Wir begeben uns auf eine Reise durch den Reformationssommer und -herbst, besuchen Städte, in denen Martin Luther lebte und wirkte, treffen auch auf Orte, an denen seine Mitstreiter und Widersacher ihre Spuren hinterlassen haben – die Bauernkriege und ihre Rezeptionsgeschichte eingeschlossen. Erster Stopp: Erfurt.

Dieser Beitrag entstand aus einer Pressereise der Thüringer Tourismus GmbH.

Bruder Martin ante Portas

„Schirme?“ Stadtführer Matthias Gose und – wie bezeichnend – Kristin Luther, PR-Mitarbeiterin von Erfurt Tourismus, verteilen den Schutz vor dem Landregen, der an diesem Mittag eingesetzt hat. Von der Weinstube des Hotels Zumnorde aus betreten wir die Altstadt. Mit einem Schlenker führt uns Matthias Gose zur Krämerbrücke.

„Sie wurde 1325 erbaut. Nur sieben Prozent wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört“, erklärt Gose. Direkt neben der Ägidienkirche führt eine schmale Treppe hinab zur Gera. „Die Lutherstiege“, sagt der Stadtführer. „Martin Luther ist hier nachgewiesen hergegangen auf seinem Weg vom Augustinerkloster in die Stadt.“ Gedanken schweifen, Geschichte scheint spürbar – trotz des heftigen Schauers, der gerade niedergeht. Am Flussufer entlang folgen wir dem Weg Luthers zurück ins Kloster.

Die Luther-Stiege (li.) an der Krämerbrücke mit ihrer historischen Fachwerk-Bebauung. © Foto: Uwe von Schirp

„Lutherzelle“

Stadtführer Matthias Gose „ante portas“. Das Tor des Augustiner- klosters. © Foto: Uwe von Schirp

Gose klopft demonstrativ an die massive Holzpforte des Augustinerklosters. Matthias – alias Martin – ante Portas: Luther kam 1501 als Student der „Sieben freien Künste“ nach Erfurt. Vier Jahre später ist er Magister Artium. Er hat Todesangst in einem Gewitter und entschließt sich, Mönch zu werden. Mitte Juli 1505 klopfte er an die Klosterpforte der Augustiner-Emeriten.

Das Haus ist heute eine Mischung aus Bildungs- und Begegnungsstätte, Geschäftsstelle und Museum. Authentisch: der Bereich der Mönchszellen. Didaktisch aufbereitet, zeigt das Museum das Leben der Mönche: mit einer spartanischen Schlafstätte, einem Studienpult und einer Bibliothek. Die „Lutherzelle“ ist die letzte von vier bewohnten Kleinsträumen des späteren Reformators.

Die Zellen dokumentieren Luthers Leben im Augustinerkloster. © Foto: Uwe von Schirp

Nacht vor der Priesterweihe

„Luther hat sich den Orden ausgesucht, weil es den Augustinermönchen erlaubt war, eine Bibel zu besitzen“ erklärt Matthias Gose. Martin Luther widmet sich zunächst den Rechtswissenschaften. Später, nach der Priesterweihe, studiert er Theologie. Trotz aller musealen Aufbereitung und Restaurierungen zieht Geschichte hier die Sinne in ihren Bann.

Das setzt sich vor allem in der Klosterkirche fort. Wir stehen vor dem historischen Altar. Hier las Luther seine erste Messe als junger katholischer Priester. Die Primiz. Ebenfalls erhalten die alten bleigefassten Glasfenster. Auf der Grabplatte von Johannes Zacharias lag Luther in der Nacht vor seiner Priesterweihe. Er rang mit sich, ob es der richtige Weg sei.

Der Altar in der KLosterkirche, an dem Luther seine Primiz feierte. © Foto: Uwe von Schirp

Studentisches Leben

Gose fesselt uns mit seinen Erzählungen. Ein absoluter Kenner. Wären nicht 500 Jahre vergangen, klingt er wie ein Zeitzeuge. Die alten Gemäuer atmen Geschichte. Nebenbei hören wir, dass Johannes Gutenberg in Erfurt studiert hat und zur damaligen Zeit ein Drittel aller deutschen Druckerzeugnisse in Erfurt entstanden. Ein sowohl technik- wie auch mediengeschichtlich entscheidender Punkt der Reformation.

Zur „Georgenburse“ sind es nur wenige hundert Meter. Hier lebte Luther als Student, bevor er ins Kloster eintrat. Auch heute noch ist sie im Obergeschoss Herberge – für Pilger. Träger ist ein Verein. Die Dauerausstellung im Erdgeschoss gibt Einblick in studentisches Leben im Mittelalter.

Die Georgenburse: im Obergeschoss Pilgerherberge, unten eine Ausstellung zu studentischem Leben in der Zeit Martin Luthers. © Foto: Uwe von Schirp

Bettelmönch

Die Faksimile unter den Glasabdeckungen fordern unsere Besuchergruppe zu einer Diskussion über Luthers Verhältnis zum Judentum heraus. „Die Vergangenheit ist uns ein Buch mit sieben Siegeln“, zitiert Matthias Gose Goethes Faust. „Das, was ihr den Geist der Zeiten heißt, ist im Grunde der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.“ Will heißen: Im Licht heutiger Erkenntnisse stellen sich Zusammenhänge anders dar, als in der Gegenwart vor 500 Jahren.

Erfurt war zu Zeiten Luthers eine wohlhabende Stadt und Standort einer der ältesten Universitäten. Mit dem Abschluss des Magister Artium gehörte Luther zu den geschätzten Mitgliedern der Universität. Durchaus kritisch betrachtet daher sein Eintritt in den Bettelorden der Augustiner-Emeriten. „Man erkannte das und gab ihm dann nach einer Zeit andere Aufgaben“, erzählt Gose. „Dennoch ist auch Luther mit dem Bettelsack von Haus zu Haus gegangen und hat um Verpflegung oder einen Silbertaler gebeten.“

Das Collegium Maius: Die alte Universität ist heute Sitz des Landeskirchenamtes. © Foto: Uwe von Schirp

Inspiration Schokolade

Durch die engen Gassen der Altstadt laufen wir am Collegium Maius, der alten Universität – heute Sitz des Landeskirchenamtes – vorbei zur Krämerbrücke. Vielleicht sind es die grauen Wolken am Himmel, die für noch mehr mittelalterliche Authentizität sorgen.

Unterhalb der Krämerbrücke, am Kreuzgang legen wir eine Pause ein. Die Schokoladenmanufaktur Goldhelm – mit Firmensitz wenige Meter weiter Mitten auf der Brücke – betreibt hier ein Café. Dirk Frommberger, die rechte Hand von Inhaber Alexander Kühn, serviert Kaffee – und Luther-Schokolade. Eine Kreation – oder „Inspiration“, wie es Frommberger nennt – aus ausgesuchtem mittelamerikanischen Kakao und überlieferten Zutaten aus Kräutern, Früchten und Wein.

Luther-Schokolade – eine „Inspiration“, sagt Dirk Frommberger. © Foto: Uwe von Schirp

Cranachs Bilder

Über den Fischmarkt, vorbei an Rathaus und Kunsthalle kommen wir zum Domplatz. 70 Stufen über dem Platz erheben sich der Mariendom und die Kirche St. Severi. Bonifatius gründete im Jahr 742 die Bischofskirche. In ihrem mittleren Turm befindet sich die größte frei schwingende mittelalterliche Glocke der Welt. Martin Luther wurde hier 1507 zum Priester geweiht – an jenem Morgen nach der Nacht auf der Grabplatte der Klosterkirche. Das Licht fiel durch die gleichen bleiverglasten Fenster wie heute. Sie stammen aus dem Jahr 1360.

Ein Seitenaltar zeigt ein Bild der Verlobung der heiligen Katharina von Lukas Cranach dem Älteren. Er schuf es zwischen 1520 und 1530. Im weitesten Sinne ist es ein Bild im Zeichen der Reformation: Denn Cranach portraitierte Luther vielfach. Zehn Jahre nach der Priesterweihe verschickte er Kopien Portraits in die Welt und gab der Reformation ein Gesicht. Luther nutzte die damalige Form der Public Relations auch selbst. Als er 1525 Katharina von Bora geheiratet hatte, ließ er sich gemeinsam mit seiner Frau portraitieren und sandte ein Exemplar in den Vatikan. Ein Affront – aber eine andere Geschichte.

70 Stufen führen vom Domplatz zum Mariendom und zur Kirche St. Severi. © Foto: Uwe von Schirp

Noch einmal „ante portas“: Als wir den Dom durch das Triangelportal aus dem Jahr 1330 verlassen, durchbrechen kurzzeitig einzelne Sonnenstrahlen die Wolken. Sie werfen schmale helle Streifen auf die unter uns liegende Altstadt. Orientierungspunkte und Hinweise auf weitere Spuren aus Mittelalter und Reformationszeit.

Information
Tourist-Information

Benediktsplatz 1
99084 Erfurt

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Montag - Samstag 10.00 - 18.00 Uhr
Sonntag/ Feiertag 10.00 - 15.00 Uhr

Telefon 0361 6640-0
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Weitere Informationen

Orte der Reformation im Radio

Die Blogbeiträge unserer Serie „Orte der Reformation“ begleiten eine gleichnamige Reihe im Sonntagsmagazin „kreuz & quer“ bei Radio MK mit Moderatorin Sabine Langenbach. Zu hören sind sie Sonntagsmorgens zwischen acht und neun im Livestream – oder im Mitschnitt als Podcast hier:

Teaser Serie Orte der Reformation – Teil 1: Erfurt

Beitrag Serie Orte der Refoamrtion – Teil 1: Erfurt


Dieser Text gehört zur Blogparade `Mein Sommer: Zwischen Brotjob, Kultur und Ferien´. Kulturmacher*innen und Kulturschreiber*innen, die sich dieser Aktion anschließen wollen, finden die Teilnahmebedingungen unter https://kulturblogclub.wordpress.com/2017/06/21/einladung-aktion-sommer-zwischen-brotjob-kultur-ferien/

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