Mein Traum vom Segeln im Mittelmeer – Teil 3: Auf nach Ibiza

Steckt in den Wolken: der Gipfel der Isla de es Vedrá vor Ibiza. Foto: Katrin Krumpholz

Steckt in den Wolken: der Gipfel der Isla de es Vedrá vor Ibiza. Foto: Katrin Krumpholz

Um 3:50 Uhr klopft es an die Kojentür. Der Skipper lugt vorsichtig durch die Tür – und erblickt mich fertig angezogen in Seglermontur. „Fertig zum Wachdienst“, lächle ich. Zwischen zwölf und sechs Uhr morgens wechselt sich die Crew bei einer Nachtfahrt jeweils zu zweit in Zwei-Stunden-Schichten ab. Vor dem Auslaufen in Villajoyosa teilten wir die Teams ein. Ich wählte die letzte der drei Schichten: Ich wollte ganz romantisch in den Sonnenaufgang segeln. 😉

Gegen 22 Uhr brechen wir etwas aufgeregt und neugierig zu unserer ersten Nachtfahrt auf. Ich bleibe allerdings nicht lange an Deck. Nach dem erkundungsreichen Tag in der „glücklichen Hafenstadt“ Villajoyosa bin ich müde und begebe mich unter Deck, um mich auszuruhen. Ans Schlafen bei Wellengang bin ich allerdings (noch) nicht gewöhnt, aber das Ausruhen und Dösen sind ebenso erholsam. Meine innere Uhr ist auf Frühaufstehen eingestellt – letztlich bin ich lange vor vier schon segelbereit.

Kurs Ibiza: 70 bis 80 Grad Nord-Ost

Meine Schichtpartnerin und ich bekommen zu Beginn ein paar Einweisungen. „Ihr müsst euch immer absichern, wenn ihr an Deck seid“, mahnt der Skipper. Damit wir nicht über Bord gehen, haken wir uns also ein, egal ob wir stehen oder sitzen. Es ist eine ruhige Nacht, bei angenehmen Temperaturen und kaum Wind. Wir fahren daher unter Motor nach Ibiza. Die erste halbe Stunde steht meine Schichtpartnerin am Ruder, ich beobachte die Küste und das Meer – halte Ausschau nach Schiffen, die eventuell unseren Weg kreuzen. Danach wechseln wir uns alle halbe Stunde ab.

Außer ein paar Leuchtfeuern an der Costa Blanca sehe ich kaum blickende Lichter. Es ist erstaunlich ruhig auf See. Ich genieße die Stille der Nacht – und beobachte den Himmel: Selbst in dem Nachtgrau erkenne ich die hohen Wolkenberge am Horizont. Solange es nicht frischer wird oder zu regnen beginnt, ist alles gut. Meiner Jacke vertraue ich, aber nicht meiner Segelhose: Sie ist geliehen und aufgrund ihres Alters an einigen Stellen undicht. Bevor wir uns ganz von der Küste entfernen, sehen wir noch eine Reihe Containerschiffe, die um eine Landspitze herumfahren: Sie folgen weiter der Küste, je nachdem Richtung Norden oder Süden, und passieren einander jeweils an der Steuerbordseite.

Am Ruder stehend, fällt es mir wieder schwer Kurs zu halten. Ich weiche hin und wieder stark von den Vorgaben ab, schwanke zwischen Schmunzeln und Genervtsein: Der Skipper erwähnt, dass „unten alles aufgezeichnet wird“. Der Zick-Zack-Kurs geht dann auf meine Kappe. 😉 Interessant ist, dass ich kein Zeitgefühl habe – am Ruder stehen und dahintuckern fühlt sich deutlich länger an als es ist. Es ist extrem zäh. Im Nachhinein könnte ich statt zäh auch sagen „Es ist entspannend“. Bei all dem Multitasking im Berufsleben ist das Sich-auf-eine-Sache-konzentrieren ungewohnt. Am Ruder stehen und Kurs halten, erfordert Konzentration, ist aber unspektakulär.

Guten Morgen, Sonnenschein! Foto: Katrin Krumpholz

Guten Morgen, Sonnenschein! Foto: Katrin Krumpholz

Das Grau des Himmels wird heller. Von der aufgehenden Sonne ist weit und breit aber nichts zu sehen, kein einziger Sonnenstrahl. Ende April geht in Kiel die Sonne bereits gegen fünf Uhr morgens auf. In Spanien offensichtlich etwas später, aber an diesem Morgen gar nicht: Am Horizont werden die Konturen dunkler Wolkenberge immer deutlicher. „Dann eben nicht“, denke ich, und gehe kurz nach Schichtende zurück in die Kabine, um – hoffentlich – etwas zu schlafen. Ich bin hundemüde. Als ich später ausgeruht aufstehe, um zu frühstücken, lugt die Sonne immerhin durch die Wolken. Ansonsten bleibt es bis zum Nachmittag bedeckt, aber die Temperaturen bleiben angenehm. Der bedeckte Himmel ist mir zum Segeln eh lieber.

An Deck behalte ich den Horizont im Blick: Ich bin gespannt, wann sich Ibiza in der Ferne zeigt. Den Team-Rhythmus der Nacht übertragen wir ganz automatisch auf die ersten Vormittagsschichten. Um zehn Uhr übernehmen meine Nachtschichtpartnerin und ich das Ruder. Diesmal bin ich die erste halbe Stunde dran. Mit dem Schichtwechsel ändert sich nahezu zeitgleich der Wind: Wir hissen die Segel! Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer – hoffentlich haben wir diesmal mehr Glück mit dem Wind!

I am sailing

Bereits in dem Moment, wo ich das denke, füllen sich die Segel mit Wind und die Yacht fällt leicht nach backbord ab. Die erste richtige Gelegenheit zum Segeln auf diesem Törn – und ich stehe am Ruder. Ich spüre, wie der Wind die Segel ausfüllt und versuche der Windkraft folgend zu steuern. In der Segelsprache heißt das „Abfallen“ – das Schiffsheck wird in Windrichtung gedreht, die Segel bekommen dadurch mehr Raum. Wir gewinnen an Geschwindigkeit, die Segelfläche nutzen wir voll aus. Links hinter mir gibt ein Mitsegler zwar hin und wieder Tipps, aber ich orientiere mich lieber am Wind und beobachte die Segel, spüre den Druck auf dem Ruder. Die Yacht segelt wie eine Eins. „Das ist es also, Segeln“, denke ich, und fühle mich wie ein Honigkuchenseepferd. „Das gibt hundert Punkte“, sagt der Skipper. Er ist wie wir begeistert, dass wir das erste Mal auf diesem Törn unter idealen Windbedingungen segeln.

Mein Segelmoment: Ich stehe zum ersten Mal am Ruder und segle bei optimaler Windstärke von acht bis zehn Knoten! Foto: S. N.

Mein Segelmoment: Ich stehe zum ersten Mal am Ruder und segle bei optimaler Windstärke von acht bis zehn Knoten! Foto: S. N.

Acht Knoten. Mit der Windstärke steigt die Stimmung der Crew direkt proportional an. Nach den Strapazen der Nachtfahrt genießen wir diesen Segelmoment sehr. Die Stimmung ist gelöst, alle sind entspannt. Mit einer Ausnahme: der Törnjüngsten. Ihr bekommt das Segeln auf dem Mittelmeer nicht, ihre Seekrankheit ist Dauergast. Auf Ibiza wird sie uns deshalb auch verlassen.

Frei wie der Wind

In der Ferne ist bereits ganz zart eine Kontur zu erkennen – Ibiza. Dem aktuellen Kurs nach, den der Wind uns vorgibt, segeln wir auf die Westküste Ibizas zu. Wir wollen allerdings nach Ibiza Stadt. Das heißt, wir müssen zu gegebener Zeit die Segel anders setzen. „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“, wusste schon Aristoteles. Allerdings würde ich am Liebsten einfach weitersegeln, bis ans Ende der Welt, und egal wo anlegen. Ich bin in Entdeckerlaune.

Land in Sicht! In der Ferne ist die Silhouette von Ibiza bereits zu erkennen! Foto: Katrin Krumpholz

Land in Sicht! In der Ferne ist die Silhouette von Ibiza bereits zu erkennen! Foto: Katrin Krumpholz

Wir gewinnen weiter an Geschwindigkeit. Neun Knoten. Es ist fast wie im Rausch – mit jedem Knötchen steigt die Freude. Als wir die Zehn-Knoten-Marke überschreiten, sind wir fast aus dem Häuschen. Die Freude an Bord ist greifbar. Keiner hat damit gerechnet, dass der Wind sich an diesem Vormittag so gut entwickeln würde. Aber genau das ist es, was ich mir von der Reise erhofft habe. In die Freude mischt sich das Gefühl von Freiheit und Entdeckerfreude, Abenteuer – herrlich! Meine Schichtpartnerin wird nachher meine Zehn-Knoten-Marke toppen: Sie segelt mit über zwölf Knoten auf Ibiza zu. „Das ist es also, Segeln“, denke ich nochmal. Und obwohl ich mich auf Ibiza freue, könnte ich einfach so weitersegeln.

Bei warmen Temperaturen und tief hängen Wolken nähern wir uns der Südwestküste Ibizas. Foto: Katrin Krumpholz

Bei warmen Temperaturen und tief hängen Wolken nähern wir uns der Südwestküste Ibizas. Foto: Katrin Krumpholz

Kurz nach Erreichen der vorgelagerten Inseln von Ibiza, holen wir die Segel ein und schippern unter Motor die Küste entlang. Ich genieße die Stimmung an Bord und den Blick auf die karge, zerklüftete Küste der Insel. Vor meinem inneren Auge lasse die Eindrücke der „wunderschön“-Folge „Ibiza – ein Lebensgefühl“ Revue passieren. Ich habe große Lust, die Insel zu erkunden – und freue mich auf den Abend, und den darauffolgenden Tag: Wir werden genug Zeit für einen Stadtbummel haben. Laut Törnplan ist für Ibiza eine Übernachtung mit Tagesaufenthalt eingeplant.

Unterwegs passieren wir einige Mittelmeer-Fähren. Ich begutachte die Schiffsmodelle und bin überrascht, wie viele Reedereien hier Schiffsverbindungen unterhalten. Als Studentin habe fünf Jahre für eine Fährschiff-Reederei gearbeitet. Damals kannte ich alle Fährverbindungen in Nordeuropa, und einige im Süden, auch, weil Gäste und Touristen immer mal danach fragten. Es gab einen Katalog für Fährverbindungen in Europa, in dem ich daher aus Interesse immer mal geblättert und auch Reisepläne geschmiedet habe. Das Interesse an der Fährschifffahrt ist bis heute geblieben. Eine Fährüberfahrt von A nach B ist für mich Kurzurlaub auf See – eine Kreuzfahrt wäre hingegen nichts für mich. Das bestätigt sich, als im Hafen von Ibiza ein TUI-Schiff anlegt – und am späten Nachmittag eine Techno-Party am Pool stattfindet. Der Lärm erfüllt den Hafenbereich. Schrecklich. 🙁 Beim Aufenthalt in Kiel würde das nicht genehmigt. Aber von Ibiza als „Party-Stadt“ wird das wohl erwartet.

ịHola Ibiza!

Geschafft: Wir steuern Ibiza an. Foto: C. Schwabe

Je näher wir Ibiza Stadt kommen, desto mehr Flugzeuge zählen wir. Es wimmelt nur so von Fähren und Flugzeugen, könnte man übertrieben sagen. Nach der Umrundung der Flughafen-Landzunge erscheint die Burg von Ibiza, die alles überragt. Die Wolken haben sich weitestgehend verzogen. Wir laufen die Marina Botafoch bei strahlendem Sonnenschein an. Von hier aus genießen wir einen fantastischen Ausblick auf Eivissa, wie die Altstadt von Ibiza auf Katalanisch heißt (was mir als Name persönlich viel besser gefällt). Die weiß-getünchten Häuser, die so eng aneinanderstehen, sehen aus wie hingemalt. Fand ich Villajoyosa schon toll, so begeistert mich auch Ibiza vom ersten Blick an. Vielleicht ist es der „Ibiza Spirit“, der mit dem Einlaufen in den Hafen auf mich übergeht. Vielleicht ist es einfach der Umstand, dass sich nach drei Tagen an Bord sowas wie Urlaubsgefühl einstellt – zwischen See-Etappen, Ankommen und Hafenerkunden.

Gefällt mir: eine Ibiza-Karte als Tischset. Foto: Katrin Krumpholz

Gefällt mir: eine Ibiza-Karte als Tischset. Foto: Katrin Krumpholz

Wir legen zwischen zwei Luxusyachten an. Unsere Yacht passt so gar nichts in Bild, aber genau das macht es auch reizvoll. 😉 Alle freuen sich nun auf eine heiße Dusche – wir steuern als Erstes den Duschbereich an, der im typischen Baustil Ibizas gehalten ist. Übrigens: Alle drei Marinas, in denen wir bisher lagen, boten saubere, gepflegte Duschbereiche an, trotz unterschiedlich hoher Liegegebühren (Alicante: ca. 40 Euro, Ibiza: ca. 110 Euro). Frisch geduscht, gut gelaunt und mit einem Mordshunger fahren wir am Abend gemeinsam ins Zentrum – stilecht mit dem Wassertaxi. Unseren ersten richtigen Segeltag lassen wir mit köstlichen Tapas und einem Rundgang durch den unteren Teil von Ibiza Stadt ausklingen. Die Oberstadt „Dalt Vila“, den historischen Teil, erkunden wir am nächsten Vormittag. ịBuen provecho! e ịBuenos noches!

 

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