Mein Traum vom Segeln im Mittelmeer – Teil 2: Die erste Etappe.

Unser erstes Törnziel: Villajoyosa. Foto: C. Schwabe

Unser erstes Törnziel: Villajoyosa. Foto: C. Schwabe

„Vorsicht! Nicht zu viel Gas geben!“, ruft mir der überraschte Skipper zu. Ich stehe zum ersten Mal am Ruder und steuere die Segelyacht, mit der wir gleich das Hafenbecken von Alicante verlassen. Ich lege den Hebel nach vorne – und das Boot sprintet davon. Das war wohl etwas zu viel. 😉 Bevor es raus auf die offene See geht, übernimmt jeder von uns einmal das Ruder: Das Schiff segeln wir gemeinsam – und jeder trägt seinen Teil dazu bei, ob Anfänger oder Profi. Wieder auf „1“ ziehe ich tuckernd meine Kreise durch das Hafenbecken und teste, wie sensibel das Ruder reagiert, immer die ausfahrenden Schiffe im Blick.

Die Stimmung ist gut. Der erste Abend mit Abendessen und Kennenlernen der Mitreisenden sowie die erste Nacht an Bord im Hafen von Alicante liegen hinter uns. Wir sind zu siebt. Neben dem Skipper hat einer der Mitreisenden ebenfalls einen Segelschein, zwei weitere Personen, ein Paar, sind dabei, den Segelschein zu machen. Die drei alleinreisenden Damen haben – inklusive mir –  wenig bis keine Segelerfahrung und freuen sich auf einen entspannten Urlaub. Außerdem gehen wir davon aus, als Deckshände und als Rudergängerinnen Segelbasics zu erlernen.

Schnell sind die wichtigsten Leinen und deren Bezeichnungen gemerkt. Foto: Katrin Krumpholz

Schnell sind die wichtigsten Leinen und deren Bezeichnungen gemerkt. Foto: Katrin Krumpholz

Dennoch deutet sich schon an diesem ersten Tag an, dass genau hier der Gruppenhund begraben liegen wird: Wir haben alle sehr unterschiedliche Erwartungen an und Vorstellungen von dieser Reise, die sich letzten Endes nicht vereinbaren lassen. Doch – wir sitzen alle im selben Boot, und Einzelwünsche und -bedürfnisse müssen dann, Urlaub hin oder her, leider auch hintenanstehen. Die Frage „Habe ich Glück mit meinen Mitreisenden?“ kann ich klar mit „Jein“ beantworten. Erfahrungsgemäß reichen ein bis zwei egozentrische Charakterköpfe aus, um eine Gruppe auf Trab zu halten. Positiv ausgedrückt. Und die sind definitiv mit an Bord.

Leinen los!

Das mit dem Gasgeben und gefühlvollen Rudersteuern ist also schon mal nicht so einfach. 😉 Die Sonne strahlt, es sind kaum Wolken am Himmel. Allerdings – gibt’s auch kaum Wind zum Segeln. Wir hissen dennoch die Segel, um sie dann nach gefühlt einer Stunde wieder einzuholen und unter Motor unser Tagesziel anzulaufen: Villajoyosa.

Bye bye Alicante - ein letzter Blick zurück. Foto: Katrin Krumpholz

Bye bye Alicante – ein letzter Blick zurück. Foto: Katrin Krumpholz

Nach nur wenigen Segelmetern verzeichnen wir die ersten Seekranken, die die Überfahrt überwiegend liegend verbringen. Das sei normal, weiß der Skipper, manchmal bräuchte man einen Tag Gewöhnungszeit. Manchmal brechen Reisende einen Törn deswegen auch ab, wenn es gar nicht besser wird. Am Ende unserer Reise werden wir auch nur noch zu sechst sein: Die Törn-Jüngste steigt auf Ibiza aus.

Rund fünf Stunden schippern wir an der Costa Blanca entlang – mit Blick auf die karge Landschaft und Hotelburgen, die auch von weitem faszinierend hässlich sind. Einmal übernehme ich das Ruder, lasse es aber schon nach kurzer Zeit genervt. Die Segelprofis – echte und zukünftige – reden mir ständig von der Seite rein, dass ich zu zweit links oder rechts sei. Dass ich als Anfängerin aber nicht gleich perfekt Kurs halten kann, scheint ihnen nicht in den Sinn zu kommen. Ohne diese kontrollierenden Einwürfe geht’s übrigens ziemlich gut – in meinem Falle scheint es eine Frage der Konzentration zu sein.

Im Laufe des Nachmittags wird mir auch etwas übel. Ich glaube nicht ernsthaft daran, von einer spontanen Seekrankheit befallen zu sein – und tippe auf Migräne. Die Aufregung. So viel Sonne auf einmal. Die Eindrücke. Liegen hilft mir anders als den Seekranken leider nicht, und so döse ich sitzend in der Sonne und konzentriere mich auf den Wind, der mir angenehm kühl ins Gesicht bläst.

Am Etappenziel angekommen: die Marina von Villajoyosa wartet schon auf uns. Foto: Katrin Krumpholz

Am Etappenziel angekommen: die Marina von Villajoyosa wartet schon auf uns. Foto: Katrin Krumpholz

Als wir den ersten Hafen ansteuern, steigt meine Vorfeude! Das Ankommen an neuen Orten gefällt mir. Ich fühle mich wieder wie ein seefahrender Entdecker. Vom Wasser aus macht unser erstes Etappenziel Villajoyosa einen sehr netten Eindruck – kilometerlanger, weißer Sandstrand, gesäumt von einer wunderschönen Palmenpromenade, links bunte, schmale Häuser, rechts Hotelburgen.

Buntes Treiben auch im Hafenbecken von Villajoyosa. Foto: Katrin Krumpholz

Buntes Treiben auch im Hafenbecken von Villajoyosa. Foto: Katrin Krumpholz

Im Hafenbecken empfangen uns regenbogenfarben schillernde Fische im türkisblau schimmernden Wasser. Wie hübsch! Da wir nicht mit dem Heck anlegen können, lerne ich nun, über den Bug das Boot zu besteigen. Es gibt keinen Tritt, wie bei den umliegenden Yachten. Das ist mir nicht ganz geheuer, nutzt ja aber nix. Nach einigem Hin und Her trete ich auf den Anker – er bewegt sich kaum – und ziehe mich an der Reling rauf und runter. Läuft.

Villajoyosa – eine Stadt zum Verlieben

Es ist schon fast ein Glücksfall, dass unser Motor leckt und nun hier einen Tag lang unter die Lupe genommen werden soll. Statt weiterzufahren zum nächsten Hafen, ändert sich kurzer Hand der Plan: Wir steuern unser nächstes Törn-Ziel Ibiza direkt an, ohne weiteren Zwischenstopp am Festland. Rund 70 Seemeilen liegen vor uns. Das bedeutet: Wir starten am späten Abend zu unserer ersten Nachtfahrt. Wie aufregend! Vorher haben wir aber nun einen Tag Zeit, um das schöne Hafenstädtchen zu erkunden.

Die mediterranen Fliesen der Balkone gefallen mir. Foto: Katrin Krumpholz

Die mediterranen Fliesen der Balkone gefallen mir. Foto: Katrin Krumpholz

Übersetzt heißt Villajoyosa die glückliche Stadt. Und das strahlen die Bewohner aus – Glück und Zufriedenheit. Begeistert fotografiere ich alles, was mir vor die Linse kommt: die pittoresken Fliesen, die den Boden der Balkone bilden. Die Guerilla-bestrickten Bäume, die ich erstmals vor Jahren in Oslo gesehen habe, die süße Kirche, die Mariá Himmelfahrtskirche (Nuestra Señora de la Asunción), die wir aufgrund unserer sommerlichen Kleidung nicht besichtigen können, die verwinkelten Gassen der Altstadt.

Was für ein schöner Anblick: Strand und Altstadt von La Vila Joiosa. Foto: Katrin Krumpholz

Was für ein schöner Anblick: Strand und Altstadt von La Vila Joiosa. Foto: Katrin Krumpholz

Es ist noch Nebensaison. Eindeutig. Der Badeort, den aktuell eher spanische als ausländische Touristen bevölkern, gefällt mir: Vom Strand aus betrachtet wirkt die Altstadt ein bisschen nordafrikanisch: eng stehende Häuser mit hohen Dattelpalmen davor. Die Architektur geht laut Stadtplan aber auf die Zeit der Reconquista zurück, als die Christen die Mauren vertrieben.
Ich bin begeistert. Einzig die permanent herunterstechende Sonne ist nicht ganz so mein Fall – ich freue mich über jeden Zipfel Schatten, den ich kriegen kann, und wechsle auch die Straßenseite, wenn es sein muss. In Strandnähe nehmen wir erstmal bei einem Restaurant Platz, gönnen uns einen Café con leche – und genießen den tollen Ausblick auf Strand, Palmen und Meer.

Mein Urlaubsglück schmeckt nach Zitrone

In einem kleinen Laden in der Oberstadt kaufen wir ein paar Lebensmittel für die Crew – und Wasser für unterwegs. In der Auslage sieht alles so lecker aus, vor allem das Gebäck. Später am Nachmittag genieße ich mit meiner Begleitung, einer Innenarchitektin aus Düsseldorf, zum Kaffee ein leckeres Dessert – Zitronenmousse auf Krokantgebäck. So schmeckt Urlaub! Das kleine Café, das uns beide so begeistert, liegt gegenüber der Mariá Himmelfahrtskirche.

Einfach nur lecker: die kleinen Leckereien auf dem Teller aus Krokantgebäck und Zitronenmousse. Foto: Katrin Krumpholz

Einfach nur lecker: die kleinen Leckereien auf dem Teller aus Krokantgebäck und Zitronenmousse. Foto: Katrin Krumpholz

Wir bummeln durch die Gassen, staunen und genießen das spanische Alltagstreiben. Auf einer kleinen Plaza mit Springbrunnen nehmen wir Platz und genießen die warme Mittagssonne, direkt am Camino de Santiago. Alle Wege führen nach Santiago de Compostela, auch hier. Noch 1.128 Kilometer hätten wir zu gehen.

Orangenbäume säumen hier vereinzelt die Straßen der Neustadt. „Warum pflanzen wir keine Obstbäume zur Verschönerung der Straßen, sondern Birken, Buchen, Ahorn?“, frage ich mich. Die Orangen probieren wir natürlich, sie sind aber noch nicht reif. 😉 Wenige Meter weiter, passieren wir das Vila Museu, das neue Museum zur Geschichte der Stadt: Wir bestaunen die historische Fassade von 1922, hinter der sich ein moderner Museumsbau befindet. Schade, dass das Museum heute geschlossen ist (Es ist Montag!), das hätten wir uns gerne von nahem angesehen.

Was für ein toller Ort für eine Pause: das Xalet Centella mit grüner Oase. Foto: C. Schwabe.

Was für ein toller Ort für eine Pause: das Xalet Centella mit grüner Oase. Foto: C. Schwabe.

Keinen Steinwurf entfernt entdecken wir einen Palast, umgeben von einem verwilderten Garten. Was für ein Kleinod! Im heruntergekommenen Gebäude – das Xalet Centella – von 1930 befindet sich die Tourist-Information. Der dazugehörige Garten ist leider ebenso wenig gepflegt. Wie schade! Was könnte man aus diesem Grundstück machen! Staunend laufen wir durch den Park, der öffentlich zugänglich ist, betrachten die Wildnis mit ihren Schlingpflanzen, Bäumen und Sträuchern, und stellen uns vor, wie wir das Gebäude sanieren und einrichten würden. Die Fliesen der Terrasse springen uns ins Auge, ebenso die Orangenbäume. Was für ein schöner, verwunschener Ort. Eine kleine Oase. Wie die ganze Altstadt – verträumt, entspannt, etwas heruntergekommen, aber dennoch wunderschön.

Mit vielen Eindrücken im Gepäck geht’s zurück zum Schiff – mal sehen, was der Motor und der Rest der Crew so machen. Von meiner ersten Nachtfahrt, meinem ersten Segelmoment und vom Ankommen auf Ibiza erfahrt ihr in Teil 3. Warum Alicante der perfekte Ort für den Start einer Segelreise ist, lest ihr hier in Teil 1.

 

 

 

 

 

 

Dir gefällt der Beitrag? Dann teile ihn mit deinen Freunden.

3 thoughts on “Mein Traum vom Segeln im Mittelmeer – Teil 2: Die erste Etappe.”

  1. Hallo Kathrin,
    ein wunderschöner Beitrag, der sich liest wie das Paradies auf Erden Da bekommt man direkt Segelsehnsucht!

    Alicante kenne ich persönlich nur als Festlandurlauber aber bei deinen Beschreibungen fühle ich mich direkt zurückversetzt in diesen wunderschönen Urlaub von damals. Meine letzten zwei Urlaube habe ich ebenfalls als Anfängerin auf dem Boot verbracht und dort meine Leidenschaft dafür entdeckt. Meine erste Erfahrung habe ich hier beim Teamevent Segeln gemacht und im Jahr darauf war es dann schon das Skippertraining.

    Mich fasziniert die Reise auf dem Meer mit all ihren Erlebnissen und auch Überraschungen. Mein langfristiges Ziel ist es nach Abschluss der Prüfung ganz frei und selbstständig mit Freunden unterwegs sein zu können. Das Meer erleben und die Freiheit genießen!

    Vielen Dank für deine tollen Urlaubsimpressionen und liebe Grüße aus dem momentan schön sonnigen Deutschland,
    Maria

    1. Hallo Maria,

      lieben Dank für dein nettes Feedback. 🙂

      Ich freue mich, dass dir der Beitrag zu Villajoyosa so gut gefällt und schöne Urlaubserinnerungen bei dir weckt. Mir hat die Region so gut gefallen, dass ich mir vorstellen kann, mit einem Mietwagen die Costa Blanca entlang zu fahren und das Hinterland zu erkunden.

      Wie du bin ich auch mit dem Segelvirus infiziert, und steuere langfristig den SKS-Schein an. Im Juli starte ich meine Seglerkarriere aber noch mal „bei Null“, mit einem Jollenkurs im Olympiazentrum Schilksee. Darauf freue ich mich sehr! 🙂

      Vielen Dank auch für deinen Reiseveranstalter-Tipp. Ist notiert für weitere Meilentörns.

      Liebe Grüße – und: Mast- und Schotbruch!
      Katrin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.