Ansichten. Einsichten. Erinnerungen: Potsdams neue Perle

Die Fassade des Palais und Museums Barberini. Das Warten hat sich gelohnt - gleich öffnet das Museum Barberini seine Türen zur Matinée. Foto: Katrin Krumpholz

Die Fassade des Palais und Museums Barberini. Foto: Katrin Krumpholz

Seit gut einem Jahr verfolge ich die News rund ums neue Museum Barberini in Potsdams Mitte. Seit September war ich zur Matinée eingeladen – ein Event, auf das ich mich riesig freute! Und natürlich auf Potsdam, das ich schon häufig besucht habe – und immer wieder gerne bereise.

Mit Potsdam verbinde ich viele schöne Erinnerungen wie die Spaziergänge durch den Park von Sanssouci, an das Kuchenessen auf dem Krongut Bornstedt oder gemütliches Kaffeetrinken im Holländerviertel. Es sind aber vor allem die Erinnerungen an die Zeit meines Aufbaustudiums, in der ich auf den Spuren des Denkmal- und Kulturgutschutzes durch Potsdams Mitte wandelte.

Das Warten hat sich gelohnt - gleich öffnet das Museum Barberini seine Türen zur Matinée. Foto: Katrin Krumpholz

Das Warten hat sich gelohnt – gleich öffnet das Museum Barberini seine Türen zur Matinée. Foto: Katrin Krumpholz

Heiß diskutierten wir Denkmalpflege-Studenten damals die geplanten Rekonstruktion der Schlösser von Berlin und Potsdam. Wenig kontrovers, denn viele waren wie ich der Meinung, dass die Rekonstruktion von Gebäuden keine notwendige Aufgabe zeitgemäßen Denkmalschutzes sein muss. Ein Spaziergang mit einem Potsdamer Denkmalpfleger bestärkte meine Haltung: Ende der 1970er wurde der Marstall des Schlosses schrittweise rekonstruiert. Das historische Ambiente, das gefiel. Zu erfahren, dass es „nicht echt“ im Sinne von historisch original ist, ja, das missfiel mir. Der Bau des Stadtschlosses stand damals (2004) noch zur Diskussion, anders als das rekonstruierte Fortunaportal: Es wirkte auf der Brachfläche gegenüber des FH-Gebäudes etwas verloren. Dass hier einmal ein Schloss (und ein Palais) wiederaufgebaut würde(n), war schwer vorstellbar.

 

Zu Gast bei der Eröffnungsmatinée
13 Jahre später lausche ich nun im 2. Stock des wiederaufgebauten Palais Barberini gespannt den Begrüßungsworten von Bürgermeister Jacobs. Sogar die Untere Denkmalbehörde hätte nichts gegen den Wiederaufbau eingewandt, weiß er dem überfüllten Auditorium zu berichten. Museumschefin Ortrud Westheider formuliert es taktvoller. Sie weiß, dass Rekonstruktionen von historischen Bauten durchaus in der Kritik der Öffentlichkeit stehen (können), um dann in eine wundervolle Geschichte überzuleiten, die die Bedeutung des Palais für Potsdam – und vor allem die Potsdamer erklärt.

 

#emptymuseum – Die Wirkung der Leere

Rund 24.000 Besucher zog es im November vergangenen Jahres in die leeren Räume des Palais. Die Aktion mit dem Hashtag #emptymuseum habe ich über die sozialen Netzwerke verfolgt. Anhand der Instagram-Fotos, aber auch durch die 360-Grad-Darstellung der Räumlichkeiten in der Museums-App, ahne ich, wie sehr die leeren Räume und die klare, schlichte Architektur die Besucher beeindruckt – und mich noch neugieriger auf den Besuch gemacht haben!

Kommen hier gut zur Geltung: die Werke der Ausstellung "Klassiker der Moderne" im Museum Barberini. Bis 28. Mai 2017. Foto: Katrin Krumpholz

Kommen hier gut zur Geltung: die Werke der Ausstellung „Klassiker der Moderne“ im Museum Barberini. Bis 28. Mai 2017. Foto: Katrin Krumpholz

Leere Räume lassen Raum für eigene Gedanken. Und so weckte denn das Gebäude viele Erinnerungen bei den Potsdamern, berichtet Westheider in ihrer Matinée-Begrüßung. Erinnerungen, die Jung wie Alt vor Ort erzählten oder ins digitale Gästebuch schrieben. Die Schilderungen der Museumschefin lassen das Bild von einem lebendigen, inspirierenden Kulturort in mir entstehen – einem Ort der Gemeinschaft, der bis heute in den Köpfen der Bewohner existiert. Die Älteren erinnern sich noch selbst an das historische Palais, die Nachfolgegeneration kennt es aus den Erzählungen der Großeltern. Ob all die Geschichten gesammelt und dokumentiert werden, frage ich mich, ganz musealisch-bewahren-wollend? Ich mag solche Geschichten.

 

Die neue alte Potsdamer Mitte

Im Dreiklang mit dem Stadtschloss als Zentrum der Demokratie zur Linken und dem Dom als Zentrum des Glaubens gegenüber schließt sich nun mit dem Museumsneubau eine Lücke am Alten Markt – und im Gedächtnis seiner Bewohner: Das Palais Barberini ist das neue alte Zentrum der Kultur, und ein Ort der Erinnerung, denn, so schließe ich es aus den Ausführungen von Dr. Ortrud Westheider, das Palais wurde von den Potsdamern vermisst. Zwei Begriffe fallen mir spontan dazu ein: Identität und Erinnerungskultur – zwei wichtige Faktoren für die Gemeinschaftsaufgabe Denkmalpflege, denke ich, und sehe die soziale, gesellschaftliche Funktion von Rekonstruktionen.

Die Potsdamer freuen sich über das neue Museum Barberini am Alten Markt. Foto: Katrin Krumpholz

Die Potsdamer freuen sich über das neue Museum Barberini am Alten Markt. Foto: Katrin Krumpholz

Kunst, die inspiriert

Wie die Stadt weckt das Museum bei mir noch weitere Erinnerungen: fachlicher Art. Ich denke an eines meiner Magisterprüfungsthemen, die Renaissance-Paläste in Florenz, an Potsdams italienische Turmvillen, die der Stadt ihr mediterranes Flair verleihen, und an zwei Themen aus dem Schul-Kunstunterricht, die mein Kunstlehrer gebetsmühlenartig mit den Epochen Romanik und Gotik abwechselte: die Kunst des Impressionismus und des Expressionismus.

Viel Raum für die wunderbaren impressionistischen Werke - und Gedanken. Foto: Katrin Krumpholz

Viel Raum für die wunderbaren impressionistischen Werke – und Gedanken. Foto: Katrin Krumpholz

Nun stehe ich vor den Werken Monets, Liebermanns, Munchs und Noldes. In den weiten Räumen kommen sie durch die großzügige Hängung sehr gut zur Geltung. Jedes Bild wirkt unabhängig von und gleichzeitig im Kontext der anderen Werke. Museumschefin Westheider erläutert in ihrer Einführung im Auditorium das Konzept der Hängung am Beispiel des einzigen dargestellten Nachtgemäldes von Monet, eine Besonderheit im Werk des Franzosen.

Zählt zu den Hauptwerken von Auguste Rodin: die Skulptur "Der Denker" (1880-1882). Foto: Katrin Krumpholz

Zählt zu den Hauptwerken von Auguste Rodin: die Skulptur „Der Denker“ (1880-1882). Foto: Katrin Krumpholz

Der Anblick insbesondere der impressionistischen Momentaufnahmen an diesem kalten Wintertag macht Lust auf Sommerspaziergänge, Bootsausflüge und ein Picknick im Garten. Auch Rodins Skulpturen, allen voran „Der Denker“, auf Augenhöhe zu sehen, inspiriert mich. Ich erinnere mich an frühere Reisepläne nach Rom und Paris, um barocke Paläste zu erkunden und das Musée d’Orsay. Der Bummel durch die Impressionismus-Ausstellung im Barockpalais Barberini ist wie mediterraner Kurzurlaub.

Das einfallende Tageslicht und der Ausblick auf den Alten Markt ziehen mich immer wieder zu den hohen Fenstern der Beletage: Imposant sind der An- und Ausblick von und auf Schloss, St. Nikolai und das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte. Bei bestem Winterwetter leuchtet insbesondere der Kirchenbau wie die impressionistischen Gemälde im ersten Stock. Zur Havel hin öffnet sich der Innenhof – hier sind im Sommer Veranstaltungen geplant. Ein wunderbarer Ort dafür, wie ich finde.

 

Überraschung!
Während die Matinée sich ihrem Ende entgegen neigt, gehe ich fast andächtig das beeindruckende Treppenhaus hinunter, um abschließend im Museumsshop zu stöbern. Dieser liegt – sehr ungewöhnlich – im Keller des Gebäudes und rundet auf dem Weg zur Garderobe den Museumsbesuch ab.
Die Biografie Emil Noldes ist die passende Lektüre zum 150. Geburtstag des Malers am 7. August 2017. Foto: Katrin Krumpholz

Die Biografie Emil Noldes ist die passende Lektüre zum 150. Geburtstag des Malers am 7. August 2017. Foto: Katrin Krumpholz

Der vergleichsweise kleine Raum bietet ein feines, reduziertes ausgewähltes Sortiment an schönen wie nützlichen Dingen. Ich schlage zu bei den Büchern zum Thema Wald (als Sujet in der Impressionisten-Ausstellung u. a. in Werken der Schule von Barbizon zu sehen).
Aber auch Postkarten und die Broschüre zur Geschichte des Hauses nehme ich mit. Letztere will ich zuhause in Ruhe nachlesen, denn für die Ausstellung zum Palais in der 2. Etage blieb während der Matinée leider keine Zeit mehr (wir waren zwischendurch auch im Café und haben dort Kaffee wie Kuchen genossen 😉 ).

Für das knappe Zeitfenster von rund zwei Stunden gab es (zu) viel zu sehen. Aber nicht nur deswegen werde ich das Museum Barberini – und natürlich Potsdam – wieder besuchen: Ich freue mich auf weitere hochkarätige Ausstellungen und spannende Facetten der Kunstgeschichte, die das Museumsteam gekonnt in Szene setzt! Ich bin aber auch neugierig auf die Veranstaltungen, die die Ausstellungen ergänzen, und an diesem neuen alten Kulturort neue Erinnerungen an lebendige Kultur ermöglichen.

 

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