Das Atlantis der Nordsee

Es gilt als das „Atlantis der Nordsee“: Rungholt, die sagenumwobene untergegangene Stadt vor der heutigen Küste Nordfrieslands. Im Januar 1362 verschwand sie in den Fluten der Ersten Mandränke, die insgesamt 100.000 Opfer forderte. Bis zum 29. Januar 2017 bietet eine Ausstellung im NordseeMuseum Husum Einblicke in den Mythos, den Forschungsstand – und ganz aktuelle Erkenntnisse.

Nordstrand im Winter

Blick von Nordstrand aufs Wattenmeer in der Wintersonne. Ruhige See und Küstenschutz. © Uwe von Schirp

Rungholt: Ausstellung zeigt Mythos und Forschung

„Mal angenommen, Rungholt wäre nicht untergegangen, wäre Kiel möglicherweise gar nicht Landeshauptstadt?“, frage ich gleich zu Beginn unseres Rundgangs. Tanja Brümmer kontert, ohne auch nur einen Moment zu zögern: „Wahrscheinlich würden wir hier gar nicht stehen, weil Husum möglicherweise jetzt nur ein kleines unbedeutendes nordfriesisches Dorf wäre!“

Schriften und Schautafeln

Ein Modell zeigt die Besiedlung von Rungholt mit ihren Warften, dem Hafen und der Schleuse. © Uwe von Schirp

Ein Modell zeigt die Besiedlung von Rungholt mit ihren Warften, dem Hafen und der Schleuse. © Uwe von Schirp

Tanja Brümmer ist Archäologin im Nordsee-Museum und hat die Ausstellung  mit konzipiert. Die Schau nimmt gut drei Viertel der Fläche im Obergeschoss des Nissenhauses ein: Funde aus dem Wattenmeer, wissenschaftliche Rekonstruktionen, Schriften, Schautafeln und Modelle.

Rungholt, sein Mythos legendär, seine Größe beachtlich. „Wahrscheinlich hatte Rungholt 1.000 bis 1.500 Einwohner“, erklärt Brümmer. Genau weiß das niemand. Die Angaben schwanken zwischen 500 und 10.000 Menschen.

So groß wie Kiel

Husum: Nissenhaus: Rungholt Ausstellung 2016

Ein dreidimensionales Modell veranschaulicht die Funde im Watt – durch die Gezeiten eine schwierige Arbeit für die Archäologen. © Uwe von Schirp

Andreas Busch, nordfriesischer Großbauer und Heimatforscher, gilt als einer der Väter der Rungholt-Forschung. 1921 fand er im Watt vor der Hallig Südfall Kulturspuren. Bis zu seinem Tod, 1972, sicherte er die Funde, kartierte Warften und zählte die Brunnen, die er im Watt fand. Auf Basis der Brunnenfunde errechnete er 1.000 Einwohner. Heute – nach weiteren Funden – geht die Forschung von einer größeren Zahl aus.

1.000 Einwohner… Schon bei der Vorbereitung auf meinen Besuch hatte mich die Zahl beschäftigt. Wie groß war die Stadt im Vergleich zu anderen? Es geht ja nicht um heutige Maßstäbe. Kiel zählte im Jahr 1300 gerade einmal 1.000 Einwohner, also so viele wie Rungholt, Hamburg 5.000. Rungholt war ein Wirtschaftszentrum. „Es lag auf der Route von Flandern in das dänische Königreich und nach Schweden, strategisch also sehr günstig“, erläutert Brümmer.

Mythos lebt bis heute fort

Wir folgen der Ausstellung gegen den Uhrzeigersinn. „Außen zeigen wir den Mythos.“ Lithografien und Literatur. Bekannt ist die Ballade „Trutz, Blanke Hans“, des Dichters Detlev von Liliencron: „Heute bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor 600 Jahren.“ In den Vitrinen liegen Bücher, unter anderem von Theodor Storm und Hans Christian Andersen. An Audiostationen höre ich Ausschnitte bekannter literarischer Werke, etwa Storms „Eine Halligfahrt“.

Husum: Nissenhaus: Rungholt Ausstellung 2016

Ein sehenswerter Videofilm informiert über die Rungholt-Forschung. © Uwe von Schirp

Die literarischen Dokumente aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spiegeln die Legenden um Rungholt wider. Über Jahrhunderte überliefert und gewachsen, trug die Fantasie reiche Blüte. Der Untergang: eine Strafe Gottes für lasterhaftes und der Kirche gegenüber respektloses Leben. Beweise zu diesem Zeitpunkt: Mangelware.  Während die Forschung seit dem vergangenen Jahrhundert Erkenntnisse über die tatsächliche Existenz des mystischen Ortes lieferte, lebt die Legende bis heute fort: in Comics, Romanen und Liedern. 2015 veröffentlichte die Gruppe Santiano ein Lied über Rungholt – der Text, eine Rezeption der Liliencron-Ballade.

Besiedlung schon in der Steinzeit

Husum: Nissenhaus: Rungholt Ausstellung 2016

Zu den Funden im Watt zählt auch der Schädel eines Auerochsen, den die Archäologen auf das Jahr 1046 v.Chr. datieren. © Uwe von Schirp

Wir wenden uns dem sowohl räumlichen als auch inhaltlichen Mittelpunkt der Ausstellung zu: zehn Themeninseln und ein Kino. Ein Videofilm spannt hier den Bogen zwischen wissenschaftlicher und Heimatforschung.

Gemälde, Modelle und historische Karten geben bei unserem Rundgang zunächst einen Überblick über den Küstenverlauf, der sich über die Jahrhunderte verändert hat. Funde aus dem Watt belegen eine Besiedlung des Raumes bereits in der Steinzeit.

Größtes Bauwerk Nordfrieslands

Husum: Nissenhaus: Rungholt Ausstellung 2016

Mit Hilfe moderner wissenschaftlicher Verfahren rekonstruieren die Forscher aus einem Schädel-Fund den Kopf eines Rungholters. © Uwe von Schirp

Ein paar Meter weiter die Rekonstruktion eines Rungholter Schädels, darunter der Knochen-Fund. Die Koje der Wissenschaft. Vier Forscher erklären in kurzen Videos an einer Filmstation ihre Methoden. Spannend! „Ein Ziel der Ausstellung ist es auch, fortlaufend neue Forschungsergebnisse zu veröffentlichen“, erklärt Tanja Brümmer. „Eine DNA-Analyse kommt noch.“ Ebenso die genaue Datierung des Schädels nach dem C14-Verfahren. Die Ausstellung als Prozess.

Waffen, Alltagsgegenstände, Kleidungsstücke. Vor meinen Augen entwickelt sich Meter für Meter ein klareres Bild vom Leben in der versunkenen Stadt. Ein Zeugnis ihrer wirtschaftlichen Bedeutung sind Schleusenbalken aus dem Jahr 1351, die Martin Busch im Wattenmeer fand. Ihre Länge weist darauf hin, dass große Schiffe Rungholt angelaufen haben. Mit einem Ausmaß von 25 mal sechs Metern, gilt die Rungholter Schleuse als das größte damalige Bauwerk in Nordfriesland. Die Funde belegen auch einen Kirchturm in der Nähe des Hafens – ein weithin sichtbares Seezeichen.

Zeichen der Wertschätzung

Husum: Nissenhaus: Rungholt Ausstellung 2016

Krug und Becher. © Uwe von Schirp

Bedeutsames Indiz für den Handel: Krüge, darunter einer aus Südspanien. „Wir wissen nicht ganz, wie sie nach Rungholt gekommen sind“, schränkt Tanja Brümmer ein. „Es kann Handelsgut oder ein Souvenir sein.“ Unbestritten ist aufgrund des Brandverfahrens und der Goldglasur die Herkunft aus dem spanisch-maurischen Kulturkreis. Zweifelsfrei aufgrund des Fundortes auch die zeitliche Herkunft, die die Archäologin „auf spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts“, also vor der Ersten Mandränke, datiert.

In einer benachbarten Vitrine steht neben einem Krug ein Becher, der untere Teil eines einstigen Kruges. Brümmer weist auf die fein geschliffene Bruchkante hin – Zeichen der Wertschätzung für die Gefäße. „Sie wurden womöglich als Messbesteck für das Abendmahl in der Kirche verwendet.

Bedeutsamer Kirchensitz

Husum: Nissenhaus: Rungholt Ausstellung 2016

Die Gürtelschnalle zeigt die vier Evangelisten. © Uwe von Schirp

Mindestens eine Kirche habe es in Rungholt gegeben. Das so genannte „Registrum capituli Slesvicensis“ nennt eine Kollegiatskirche – ein weiteres Indiz für die Größe und die Bedeutung der versunkenen Stadt. Die Bezeichnung „cum uno collegio“ weist auf ein angeschlossenes Kapitel hin, Vorstufe eines Klosters, eine Communität von Klerikern, die nach gemeinsamen Regeln zusammenlebten. Fundstücke aus dem Wattenmeer in der Ausstellung: unter anderem Backsteine und eine Schnalle mit den vier Evangelisten.

Bedeutsame kirchliche Gründungen wie die der klosterähnlichen Gemeinschaft gab es nur an dichtbesiedelten und lohnenswerten Orten, erklärt Brümmer. In Rungholt war Salz das Handelsgut, das die Bewohner der Warften in einem aufwändigen Verfahren aus Torf gewannen. Gemälde vom Torfstechen und eine Salzsiedehütte visualisieren das Verfahren.

Vermächtnis: Messen des Meeresspiegels

Zwar haben sich die Rungholter durch den Abbau nicht selbst den Boden abgegraben, wie die Forschung lange Zeit annahm. „Aber sie ließen das Wasser näher an ihre Deiche“, erläutert Brümmer. Die Schutzwälle waren etwas drei bis vier Meter hoch. Aufgrund einer „kleinen Eiszeit“ im Mittelalter, die innerhalb kürzester Zeit zu einem Anstieg des Meerespiegels um etwa zweieinhalb Meter führte, waren die Deiche der Naturgewalt nicht gewachsen. Hinzu kam der Untergrund aus Sand. Eine Summe negativer Voraussetzungen im Fall einer Sturmflut.

Husum: Nissenhaus: Rungholt Ausstellung 2016

Eine Replik des Grabsteins erinnert an Andreas Busch. Die Gedenktafel dokumentiert den Anstieg des Meeresspiegels. © Uwe von Schirp

Unser Rundgang ist kurz vor dem Ende, als wir vor einer Gedenktafel stehen: eine Replik des Grabsteins von Andreas Busch, dem Großbauern aus Nordstrand. Daneben eine Gedenkplatte: Sie zeigt den steten Anstieg des Meeresspiegels. Ihn zu beobachten und zu messen, ist das Vermächtnis, das der Forscher hinterlassen hat. „Das geschieht alle drei Jahre“, erklärt Tanja Brümmer.

Gedanken an Sylt

Klimaforschung, eine untergegangene Stadt, die auf Sand gebaut war, und ein steigender Meeresspiegel. Wenige Tage vor meinem Besuch habe ich eine Studie über Welterbestätten und Tourismus im Klimawandel gelesen. Die im Auftrag der UNESCO tätigen Experten warnen vor einer Errosion der Strände, des Wattenmeers, der Salzwiesen und einer Zerstörung der Küste, die zu einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels führe. Ich denke unweigerlich an Sylt, dessen Südspitze Stück für Stück abbricht. Und an die gewaltigen Wellen, die mich am scheinbar endlosen Strand der Insel-Westküste so beeindruckt haben.

Rungholt_Sylt

Naturgewalten im Urlaubsparadies: Wellen vor Westerland. © Uwe von Schirp

Information
Rungholt-Ausstellung
NordseeMuseum Nissenhaus
Herzog-Adolf-Str. 25
25813 Husum

29. Mai 2016 bis 29. Januar 2017

Öffnungszeiten:
bis 15.09.16: täglich 10-17 Uhr
16.09.16 bis 29.01.17: Di bis So 11-17 Uhr

Weitere Informationen
Husum: Nissenhaus: Rungholt Ausstellung 2016

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